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Profil:Disha Ravi

(Foto: Instagram.com/Ravi)

Indische Klimaaktivistin, die der Staat für eine Verschwörerin hält.

Von Arne Perras

Disha Ravi ist eine mutige Aktivistin aus dem indischen Bangalore, die sich, wie so viele junge Menschen rund um die Welt, dem Klima- und Umweltschutz verschrieben hat. Wie eine 22-Jährige nun allerdings damit fertig werden soll, dass der Staat sie überraschend in Haft genommen hat und Vorwürfe von größtem Kaliber gegen sie in Stellung bringt, wissen auch ihre Mitstreiterinnen nicht. Indische Reporter berichten, sie sei im Gericht zusammengebrochen, als sie erfuhr, was ihr zur Last gelegt wird. Dem Richter versicherte sie noch, sie habe doch nur zwei Zeilen eines Dokuments redigiert.

Ravi soll Hochverrat begangen haben, der Polizeichef in Delhi sprach davon, dass sie einen Aufruf gestartet habe, "Krieg gegen Indien zu führen". Und das alles wegen eines sogenannten "Toolkits", an dem sie mitgeschrieben haben soll; Kampagnenmaterial, in dem es darum ging, wie man die indischen Bauern unterstützen könne, die seit Monaten schon gegen die Regierung protestieren.

Viele Inder sind schockiert über das Verfahren

Die Farmer, sagte Ravi, verdienten Hilfe, denn sie lieferten schließlich das, was alle täglich essen. Wie hart deren Leben ist, hat sie selbst bei ihren Großeltern erlebt, die den Acker der Familie bestellten. Sie kämpften mit Dürre oder Flut. Als Ravi begann nachzuforschen, was es damit auf sich hat, wurde sie zur Aktivistin.

Über das Dokument, das nun die Justiz beschäftigt, hatte sich Ravi mit Greta Thunberg ausgetauscht, die es schließlich am 3. Februar über Twitter verbreitete, kurz danach wurde die ursprüngliche Version, die jetzt zu den Ermittlungen geführt hat, gelöscht. Indiens Medien berichten, Ravi habe noch darum gebeten, das sogenannte Toolkit vorerst nicht zu veröffentlichen, weil sie Repressalien fürchtete. In Umlauf kam es dennoch.

Dass sie nun hinter Gittern sitzt, schockiert viele Inder, quer durch alle Generationen. "Das Verrückteste, was ich jemals erlebt habe", sagt eine Studentin in Delhi dazu. Eltern reagieren verängstigt, manche drängen ihre Kinder, möglichst gar nichts mehr online zu posten, was der Regierung missfallen könnte. Aus Sicht liberaler Kräfte ist es genau das, was die Regierung mit der Anzeige gegen Ravi bezweckt.

Die Vorwürfe rücken sie in die Nähe einer Separatistenbewegung

Der Fall der Klimaaktivistin spaltet Indien, das staatliche Vorgehen provoziert Widerspruch, vielen fällt es schwer zu glauben, dass die junge Frau, die - nach allem, was man weiß - nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, als Kopf einer staatsbedrohenden Verschwörung agieren soll. Die Vorwürfe rücken sie in die Nähe der sogenannten Khalistan-Bewegung, die einen unabhängigen Staat für die Sikhs anstrebt. Weil viele der protestierenden Bauern Sikhs sind, glaubt die Zentralregierung, eine terroristische Gefahr zu erkennen. Der Ministerpräsident von Delhi nennt die Festnahme hingegen einen "beispiellosen Angriff auf die Demokratie". Und ein Editorial im Indian Express beklagt, der Fall signalisiere Paranoia der Regierung. Protest zu kriminalisieren, sei kein Zeichen demokratischer Stärke.

Mitstreiterinnen beschreiben Ravi, die einen Bachelor in Business Administration erlangt hat, als lustige, lebensfrohe Frau. Ein Foto zeigt sie, zufrieden lächelnd, Kopf an Kopf mit einem Schäferhund. Sie ist Mitbegründerin von "Fridays for Future" in Indien, hat sich für Aufforstungen starkgemacht, startete Kampagnen gegen Plastikmüll.

Dabei hat Ravi deutlich gemacht, dass sie, anders als ihre Eltern, kein Fan von Premier Narendra Modi ist. Vielmehr beklagte sie, dass es "so viele fragwürdige Dinge" in dessen Regierung gebe. Immer, so heißt es in ihrem Umfeld, habe sich Ravi aber an die Regeln gehalten, etwa, indem sie Demos ordnungsgemäß anmeldete. In Haft durfte sie zunächst nicht mal einen Anwalt sprechen, erst drei Tage später machte das Gericht den Weg dafür frei. Nun darf sie auch mit ihrer Familie sprechen. Die sorgt für selbst gekochtes Essen, warme Kleidung. "Meine Tochter hat nichts falsch gemacht", versichert ihre Mutter. "Ich will nur, dass sie sicher nach Hause kommt."

© SZ/kus
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