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Profil:Der schnelle Weg zum Schutz

Gelobt vom französischen Staatspräsidenten: der IT-Kenner Guillaume Rozier.

(Foto: JOEL SAGET/AFP)

Dem 25-jährigen Guillaume Rozier ist in seiner Freizeit gelungen, was eigentlich Aufgabe der Behörden wäre: Das Impftempo zu beschleunigen mit einem Programm, das freie Termine anzeigt.

Von Nadia Pantel

Als die Moderatorin Guillaume Rozier ankündigt, wird es ungewohnt ausgelassen in der Nachrichtensendung: "Ich würde Sie jetzt am liebsten mit einem Trommelwirbel begrüßen, Sie wirken wie der Retter der Menschheit." Es ist Freitagfrüh auf BFMTV und Rozier lacht verlegen. Mittlerweile ist es der 25-Jährige gewohnt, in Talkshows zu sitzen. Aber in dieser Woche ist er noch einmal ein wenig berühmter geworden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron persönlich hat Roziers Website auf Twitter empfohlen. Als die Corona-Pandemie begann, war Rozier noch ein Informatikstudent kurz vor dem Abschluss. Inzwischen ist er zu einem Held geworden, dessen Website "Vite ma Dose" fast jeder im Land kennt. Weil man dort bekommt, was fast alle suchen: einen Impftermin.

Das Prinzip von "Vite ma dose" ist unkompliziert und effektiv. Mit einer Gruppe Mitstreiter hat Rozier einen Algorithmus entwickelt, der alle Impftermine des Landes durchsucht, um dem jeweiligen Nutzer dann mitzuteilen, wo und wann in der Nähe eine Dosis zu haben ist. Dafür bündelt "Vite ma dose" die Informationen von Impfzentren, Ärzten und Apotheken. Die Seite ist dabei so schnell und zuverlässig, dass sie seit Freitag vom Gesundheitsministerium genutzt wird. Wer über den staatlichen Server einen Impftermin buchen will, sieht nun einen kleinen Verweis, dass die Daten von "Vite ma dose" kommen.

Dieser Impfterminservice wird in der kommenden Woche noch einmal wichtiger werden. Am Donnerstag kündigte Macron an, dass vom 12. Mai an jeder Franzose, unabhängig von Alter, Beruf oder Vorerkrankungen, Impftermine wahrnehmen kann, die 24 Stunden vorher noch nicht gebucht wurden. Wie man diese Termine finden soll? Macron verweist auf "Vite ma dose". Rozier sagte am Freitag, dass seine Website täglich 5000 ungenutzte Impftermine zähle, die neue Regelung soll dies ändern.

Sein Erfolg ist auch ein Symbol für die Schwerfälligkeit der französischen Bürokratie

Für manche ist Rozier nun einfach ein Grund zur Freude in komplizierten Zeiten. Für andere jedoch ein Symbol für die Schwerfälligkeit der französischen Bürokratie. In einem Land, das seine hohen Beamten wie eine Art Leistungs-Adel behandelt, ist Roziers Erfolg durchaus auch peinlich. Dem 25-Jährigen ist in seiner Freizeit gelungen, was eigentlich Aufgabe der Behörden wäre: Das Impftempo beschleunigen. Ein Viertel Franzosen wurde bislang geimpft.

"Vite ma dose" ist dabei nicht die erste Idee des Informatikers. Im März 2020 begann er damit, die Infektionskurven in Italien und Frankreich zu vergleichen und seine Ergebnisse auf Twitter zu teilen. Kurz darauf startete er die Website "Covidtracker". Dort sammelte er alle Daten, die er zur Pandemie finden konnte. Er war nicht besser informiert als die Regierung, aber er stellte die Fakten schneller und klarer aufbereitet zur Verfügung. "Covidtracker" wurde innerhalb weniger Monate zu der zentralen Informationsquelle für alle Medien, die über das Virus berichteten. Und auch für die Krankenhäuser, die verstehen wollten, was auf sie zukam. Zu den Zehntausenden, die Rozier auf Twitter zu folgen begannen, gehörten schnell der Premierminister, der Gesundheitsminister, der Regierungssprecher.

Geld verdient Rozier mit "Vite ma dose" nicht. Auch jetzt nicht, wo sich die Regierung offiziell auf seine Arbeit stützt. "Mein Antrieb ist es, die Menschen zu informieren", sagte Rozier der Libération. Er arbeitet parallel in seinem ersten Job als Berater, seine Covid-Webseiten sollen ein unentgeltliches Projekt bleiben. Von Freiwilligen, ohne Werbung, für jeden zugänglich. Rozier kämpft für die Idee, dass möglichst viele Daten frei verfügbar sind, er sieht darin "eine Waffe gegen Verschwörungsmythen, weil man so alle Zahlen nachprüfen kann". Aktuell führt er seinen Kampf im Home-Office vom Hause seiner Eltern aus, die Mutter ist Physiklehrerin, der Vater Informatiker.

© SZ/kia
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