Impfen:Von wegen wissenschaftliche Empfehlung

Die Regierung entfernt sich vom Rat ihrer Ratgeber, weil sie das plötzlich für politisch dienlich hält.

Von Nico Fried

Je besser das Impfen in Deutschland läuft, desto mehr dominiert der politische Opportunismus über die wissenschaftliche Erkenntnis. Nach all den Prügeln, die nicht zuletzt Jens Spahn wegen des schleppenden Beginns der Immunisierungskampagne einstecken musste, ist es zwar verständlich, dass der Gesundheitsminister die Überholspur nicht mehr verlassen möchte, auf der er sich und das Land beim Impfen wähnt. Doch diese Tempofahrt um jeden Preis ist nicht ohne Risiko.

Seit mit der Aufhebung der Priorisierung bei Astra Zeneca der Deckel angehoben wurde, kriegt man ihn nicht mehr auf den Topf: Es folgten die Möglichkeit, das Impfintervall bei Astra Zeneca von zwölf auf vier Wochen zu verkürzen, das Vakzin von Johnson & Johnson ohne Priorisierung freizugeben, in manchen Ländern jetzt auch noch die Freigabe ohne Priorisierung für alle Impfstoffe. Auf die Ständige Impfkommission hört man immer weniger, RKI-Chef Lothar Wieler widerspricht nur halblaut.

Vor allem die Bundesregierung hat stets die Bedeutung der Wissenschaft für die Strategie in der Pandemiebekämpfung betont. Jetzt, da deren Mahnungen den positiven Stimmungstrend zu dämpfen drohen, schlägt man sie notfalls in den Wind. Das ist nicht nur epidemiologisch zweifelhaft, es schadet auch dem Ansehen von Institutionen, auf die man noch mal angewiesen sein könnte.

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