Coronavirus:Was heute fehlt, wurde gestern nicht organisiert

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Coronavirus: Verpflichtend oder nicht? Das Impfen gegen Corona.

Verpflichtend oder nicht? Das Impfen gegen Corona.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Mag sein, dass eine Impfpflicht geboten ist, wie der Ethikrat nun mehrheitlich meint. Dass es aber so weit kommen musste, hat viel mit politischen Versäumnissen zu tun.

Kommentar von Nina von Hardenberg

Eine allgemeine Impfpflicht sei weder notwendig noch ethisch vertretbar. So kategorisch hat der Deutsche Ethikrat das Thema allgemeine Impfpflicht bislang stets vom Tisch gefegt. Manch einer, der die neue Stellungnahme liest, mag sich die Augen reiben, gilt dem Expertengremium doch genau diese Impfpflicht nun plötzlich als probates Mittel im Kampf gegen die Seuche. Jetzt unterstützen 20 von 24 Mitgliedern eine Impfpflicht, 13 von ihnen für alle Volljährigen, sieben nur für alle gefährdeten Personen. Noch dazu kommt das Votum passend zur Meinung des neuen Auftraggebers: Auch Kanzler Olaf Scholz hatte sich zuletzt für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Wenig später gaben Bund und Länder die Stellungnahme in Auftrag.

Es müssen sich viel mehr Menschen impfen lassen, als man noch Anfang des Jahres dachte

Einschätzungen zu revidieren, Glaubenssätze angesichts neuer Erkenntnisse über Bord zu werfen, gehöre zum Wesen der Wissenschaft, argumentiert der Rat, der seine Kehrtwende ganz offen vertritt. Die Faktenlage habe sich nun mal geändert. Und tatsächlich strebte etwa die EU Anfang des Jahres noch eine Impfquote von 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an und hoffte damit, eine Überlastung des Gesundheitssystems abwenden zu können. Inzwischen ist angesichts neuer, ansteckenderer Virusvarianten klar, dass sich weit mehr Menschen impfen lassen müssten. Dieses und andere Argumente des Rates sind nachvollziehbar.

Es mag also sein, dass Zwang nun tatsächlich unumgänglich wird. Dass es so weit kam, ist gleichwohl ein Skandal und eine Kapitulation. Die Politik hat es verpasst, rechtzeitig mildere Wege der Pandemiebekämpfung energisch zu verfolgen. Wenn heute Intensivbetten fehlen, liegt das schließlich auch daran, dass gestern keine weiteren Kapazitäten aufgebaut, keine Pfleger durch doppelte Löhne motiviert wurden. Und viele von denen, die morgen zur Impfung gezwungen werden sollen, wären auch heute noch durch aufsuchende Impfkampagnen zu erreichen.

Wie das geht, wie man Fürsprecher in jeder Kita, jeder Kirche und Moschee gewinnt, hat der Impfchampion Bremen gezeigt. Das ist mühsame Überzeugungsarbeit. Aber mühsame Überzeugungsarbeit wird es auch jetzt bleiben, Bußgeld hin oder her.

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