Impfgipfel:Und jetzt: Tempo machen

Coronavirus - Impfzentrum Mittelthüringen

Nur wenige Menschen warten im Impfzentrum Mittelthüringen auf ihre Impfung.

(Foto: dpa)

Die wesentliche Lektion, die Deutschland aus seinem Impfdebakel lernen sollte: Man muss mal ein Auge zudrücken, nicht jedes Detail ausdiskutieren und etwas wagen. Jetzt ist nur noch Zeit für eins: Pragmatismus.

Kommentar von Christina Berndt

Kurven zum Neidisch-Werden sind es, die der israelische Statistiker Eran Segal gerade veröffentlicht hat. So also sieht es aus, wenn das Coronavirus einem Volk nach einem erfolgreichen Impfprogramm nicht mehr viel anhaben kann: Der letzte Lockdown ist in Israel seit einem Monat vorbei - und die Infektionskurven legen trotzdem eine Talfahrt hin, die man sich in Deutschland kaum ausmalen mag.

Eines Tages wird es auch in Deutschland solche schönen Kurven geben, so kann man sich trösten. Und, immerhin: Bund und Länder haben am Freitag erstmals einen Impfgipfel abgehalten. Allein das ist schon eine gute Nachricht: Die Regierenden haben das Impfen, inklusive Impfstopp, Impfengpässen und Impffrust, nunmehr tatsächlich als das Top-Thema dieser Tage identifiziert.

Die Hausärzte dürfen ran. Immerhin

Die Ergebnisse sind indes eher ernüchternd: Baldiges Impfen in Hausarztpraxen, mehr Flexibilität bei der Verteilung und Extra-Dosen für Bundesländer mit Grenzregionen - das sind die wesentlichen Änderungen im Impfplan. Keine Frage: Es ist schwierig, die ganz große Spritze aufzuziehen, wenn man leider viel zu wenige und viel zu kleine eingekauft hat. Angesichts des fortdauernden Mangels sind die getroffenen Entscheidungen nun wenigstens die richtigen.

Das deutsche Impfprogramm braucht möglichst bald die Unterstützung durch Hausarztpraxen, um schneller mehr Menschen schützen zu können - jedenfalls sobald überhaupt mehr Impfstoff da ist. Gut ist auch die Idee, den Ärzten Ermessensspielraum zu geben und die Praxen schon jetzt in kleinem Stil einzubinden, damit die Logistik erprobt und fortentwickelt werden kann. Es mag sein, dass Arztpraxen nicht so gut kontrolliert werden können und der ein oder andere Lieblingspatient womöglich etwas eher dran kommt, als es ihm zustünde. Aber noch viel mehr als auf Prinzipien kommt es jetzt aufs Tempo an.

Die Mutanten geben nun den Takt vor

Das ist ohnehin eine wesentliche Lektion, die Deutschland aus seinem Impfdebakel lernen sollte: Man muss mal ein Auge zudrücken, nicht jedes Detail ausdiskutieren und etwas wagen. Preise, Haftungsfragen und Priorisierungen sind wichtig. Aber wenn man dadurch gefährlich langsam wird oder neue Probleme etwa durch Mutanten oder an den Grenzen entstehen, dann muss man in den weniger heiklen Fragen eben pragmatisch werden.

Das Tempo wird gerade jedenfalls noch wichtiger, als es ohnehin schon war. Nicht nur wegen der Ungeduld der Menschen, des immer stärkeren ökonomischen Drucks und des Frühlings, der nach Leben schreit. Sondern auch wegen der Mutanten, die zusammen mit den in einer Mischung aus Irrsinn und Hoffnung beschlossenen Lockerungen gerade eine dritte Welle auslösen. Wenn das Impfen im Zuckeltempo weitergeht, wird die Kurve weiter ansteigen, mit großer Wucht, womöglich über alles bisher Dagewesene hinaus.

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