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Home-Office:Kaputte Rücken, strapazierte Nerven

Coronavirus - Homeoffice mit Kind

Frauen im Home-Office übernehmen häufig noch zusätzlich Haushalt und Kinderbetreuung.

(Foto: dpa)

Wegen Corona arbeiten Millionen Menschen im Home-Office, doch sie werden kaum geschützt. Die Frauen tragen die Hauptlast. Höchste Zeit, die Gesetze anzupassen.

Kommentar von Benedikt Peters

Halb Deutschland diskutiert dieser Tage über das Home-Office, doch die Diskussion ist seltsam oberflächlich. Sie kreist beinahe ausschließlich darum, ob die Arbeit von zu Hause hilft, die Zahl der Corona-Neuinfektionen zu senken. Das ist eine wichtige Frage, und dennoch verstellt sie den Blick auf das Grundsätzliche: Die Pandemie verändert die Arbeitswelt dauerhaft und tief greifend. Sie treibt die Digitalisierung voran - in einer Geschwindigkeit, die zuvor kaum vorstellbar war.

Für die Arbeitnehmer bedeutet die Digitalisierung zunächst viel Gutes, zumindest für jene, die ihre Arbeit dank Videokonferenzen und Chat-Tools von zu Hause aus erledigen können. Ihr Anteil hat deutlich zugenommen, er wird auch nach der Pandemie hoch bleiben. Studien zeigen: Menschen mit der Möglichkeit zum Home-Office sind seltener krank und - entgegen antiquierten Vorurteilen - produktiver als diejenigen, die jeden Tag in den Betrieb hetzen müssen. Sie können Arbeit und Familie besser miteinander vereinbaren, und sie tun sogar etwas fürs Klima. Weniger Dienstreisen und Pendelverkehr bedeuten weniger CO₂-Emissionen.

Zugleich aber wirft die Digitalisierung große Probleme auf. Eigentlich haben die Millionen Menschen, die nun von zu Hause arbeiten, Anspruch auf ordentlichen Arbeits- und Datenschutz. In Wirklichkeit hocken viele an Küchentischen, was auf die Dauer die Rücken schädigt. Manche bekommen nicht einmal einen Laptop gestellt. Gewerkschaften und Betriebsräte sind auffällig zurückhaltend darin, bessere Bedingungen einzufordern. Das könnte auch daran liegen, dass es für sie schwieriger ist, Kontakt zu den Beschäftigten zu halten, wenn kaum noch jemand in der Firma ist. Geschwächte Gewerkschaften und Betriebsräte sind aber besonders in Zeiten ein Problem, in denen große Umwälzungen stattfinden. Deshalb müssen ihre Rechte im digitalen Raum unbedingt gesichert werden.

Kosten und Gewinne müssen gerecht verteilt werden

Es stellen sich noch viel mehr Fragen als die nach dem Arbeitsschutz. Da wäre das Problem, dass das Home-Office stärker Frauen belastet, da sie oft zusätzlich Haushalt und Kinderbetreuung übernehmen. Oder die Frage, wie Kosten und Gewinne, die durch Heimarbeit entstehen, verteilt werden. Ein bisschen was können die Menschen von der Steuer absetzen, etwa für Stromkosten. Aber was ist mit dem Geld, das die Firmen dadurch sparen, dass sie weniger Büros brauchen? Es wäre gerecht, einen Teil dieser Gewinne an die Mitarbeiter zu geben. Eine Debatte darüber fehlt bisher.

Die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen - etwa das Home-Office-Gesetz, das Arbeitsminister Heil auf den Weg gebracht hat, reichen nicht aus. Sie lösen auch nicht das Problem entgrenzter Arbeit: Mitarbeiter klagen verstärkt über das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen. Dagegen könnte eine Zeiterfassung helfen - doch viele Firmen umgehen das durch "Vertrauensarbeitszeit". Außen vor sind zudem Millionen prekär Beschäftigte, die sich auf Online-Plattformen verdingen und etwa im Akkord Essen ausliefern. Solche Geschäftsmodelle erfahren in Corona-Zeiten einen Aufschwung, die sogenannten Crowdworker aber sind kaum geschützt: Sie haben weder Kündigungsschutz noch Urlaubsanspruch.

Politik und Gesellschaft sollten diese Zustände nicht länger hinnehmen. Es ist dringend Zeit, umfassende Regeln für das digitale Arbeiten auszuhandeln. Das Wahljahr 2021 ist dafür der beste Anlass.

© SZ
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