Leitartikel:Der dritte Reiter

So weit auseinanderliegende Dinge wie die Flut in Westdeutschland und der Hacker-Streit zwischen China und den USA belegen eine beunruhigende Wahrheit: Die Digitalisierung macht unsere Gesellschaften angreifbar.

Von Andrian Kreye

Neulich gab es ein Abendessen in Washington, bei dem sich nach der langen Lockdown-Pause ein paar Männer trafen, die sich in den Hinterzimmern der Weltpolitik schon lange darum bemühen, dass die Supermächte nicht aufeinander losgehen. "Die Weltlage ist so gefährlich wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr", sagte einer, der im Kalten Krieg schon wichtig war. Keiner konnte ihn vom Gegenteil überzeugen, und er hatte recht. Denn längst gibt es einen Kampf an einer neuen Front. Der digitale Raum macht Experten inzwischen so große Sorgen wie die Gefahr eines Atomkrieges und definitiv größere als der Terrorismus. Doch nur wenige Entscheidungsträger oder gar Bürger erkennen die Gefahr. Was verständlich ist in Zeiten der Seuche und der Klimakatastrophe. Wer braucht da noch einen dritten Reiter der Apokalypse?

Aber er ist schon unterwegs. Die Nachrichten der letzten Tage belegen dramatisch, dass diese Front keinen klaren Verlauf hat und gerade deswegen so gefährlich ist. Sie erfasst alle Bereiche des Lebens. Es gibt dort keinen Respekt vor zivilen Kollateralschäden. Die Konfrontation zwischen den USA und China etwa wegen der Hackerangriffe auf die amerikanische Wirtschaft ist so gefährlich wie der Streit um Taiwan. Das Pegasus-Projekt, das gerade aufgedeckt wurde, enthüllte, wie einfach es inzwischen fällt, jeden Menschen vom Staatschef bis zum Aktivisten mit einer kommerziellen Software über das Handy auszuspähen. In der Flutkatastrophe von vergangener Woche zeigte sich aber vor allem, wie anfällig eine Gesellschaft ist, die den größten Teil ihrer Kommunikation und Logistik ins Internet verlegt hat, wenn Sendemasten kippen und der Strom ausfällt. Altmodische Sirenen waren in manchen Gegenden die letzte Bastion des Zivilschutzes. Oft waren es Feuerwehrleute, die von Tür zu Tür gingen.

Es ist aber gerade deswegen so wichtig, diese Herausforderung ernst zu nehmen, weil die Menschheit gerade an der Schwelle zur nächsten Phase der Digitalisierung steht, weil die künstliche Intelligenz (KI) Marktreife erlangt. KI sorgt auch dafür, dass ohne einen Menschen am Steuer Autos fahren, Drohnen fliegen, Roboter tanzen. Das ist dann nicht mehr die KI alleine. Auch die Robotik hat Fortschritte gemacht. Maschinen können sehen, hören, tasten und Bewegungen ausführen, die der Natur sehr nahekommen.

Das Internet der Dinge

Die digitale Technologie ist damit kurz davor, aus dem abstrakten Raum des Cyberspace und den Sphären der Kommunikation in die reale Welt zu springen. KI-gesteuerte Roboter können als selbstfahrende Autos die Zahl der Verkehrstoten drastisch senken oder in Gesundheit und Pflege den Personalmangel ausgleichen. Die Extrembeschleunigung des Internets mit 5G- und 6G-Technologie wird diesen Maschinenpark in ein Internet der Dinge verwandeln. Das ist keineswegs der Titel einer Science-Fiction-Erzählung, sondern ein eingeführter technischer Begriff für ein zukünftiges Netzwerk, das nicht nur Computer, sondern Maschinen und Apparate aller Art miteinander verbindet.

Das bringt viele Vorteile. Die Welt wird mit diesen neuen Maschinen sicherer, gesünder, sauberer, geordneter und vielleicht sogar nachhaltiger werden. Allerdings begibt sich die Menschheit damit auch in die Abhängigkeit einer allumfassenden und anfälligen Technologie, ähnlich wie sie sich mit der Industrialisierung in die Abhängigkeit fossiler Brennstoffe begab. Nun kann man fatalistisch sagen: Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Sicher haben fossile Brennstoffe das Klima so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass das Überleben der Menschheit in Gefahr ist. Und das, obwohl der Physiker Edward Teller schon 1959 prophezeite, dass der CO₂-Ausstoß die Polkappen schmelzen und New York daher versinken würde.

Heute aber sind die Erkenntniswege viel schneller. Wer die Nachrichten analysiert, kann daraus jetzt schon Schlüsse für die nahe Zukunft ziehen: So macht der Cyberwar als asymmetrischer Krieg Nationen extrem verwundbar. Ein einzelner Hacker mit Laptop kann schweren Schaden anrichten an Infrastruktur und Versorgung. Die digitale Verteidigung dagegen ist extrem aufwendig, erfordert große Maschinenparks und ganze Bataillone von Informatikern. Die Komplettüberwachung der Menschen durch Regierungen, Konzerne oder auch feindselige Einzelne ist ein weiteres, fast unlösbares Problem. Und für den Katastrophenfall gibt es nur noch wenige Möglichkeiten, auf analoge Systeme zurückzugreifen.

Die Digitalisierung braucht Regeln

Die einzige Lösung: Im digitalen Raum muss das Sicherheitsdenken zur selben Selbstverständlichkeit werden wie in den mechanischen Technologien. Die Entwicklung selbstfahrender Autos ist ja vor allem deswegen so schleppend, weil die Fahrzeuge denselben Sicherheitsstandards genügen müssen. Für den Katastrophenfall müssen analoge Notfallsysteme eingerichtet bleiben.

Und für die Cyberangriffe gegen Nationen, Wirtschaft und Einzelne? Muss es Konventionen geben, an die sich alle halten. Und, es hilft nichts, auch Strategien für Gegenschläge, gegen alle, die das nicht tun.

© SZ
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