Ein alter Mafiawitz geht so: Zwei Mafiosi weinen in einer Bar hemmungslos. Sie schluchzen: „Der Don ist gestorben.“ Ja, wann ist denn das passiert? Unter Tränen sagen die beiden: „Morgen.“ In solchen Fällen spricht man von Krokodilstränen, vorgetäuschtem Weinen. Bei den Olympischen Spielen brach nun Kirsty Coventry in Tränen aus über die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den ukrainischen Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch zu disqualifizieren (er hatte auf seinem Helm Bilder von durch Putins Krieg getöteten Sportlern seines Landes gezeigt). Da Frau Coventry freilich selber Vorsitzende des IOC ist und somit über ihre eigene Entscheidung weinte, fühlten sich Beobachter eher an Krokodilstränen erinnert. Der Begriff geht auf den römischen Naturkundler Plinius den Älteren zurück, demzufolge Krokodile, nachdem sie ihre Beute erlegt haben, angeblich heuchlerisch weinen. Seit dem Mittelalter ist der Ausdruck weitverbreitet, etwa im Fabelepos „Froschmeuseler“ von 1595: „Wie der Krokodil weinet, wenn er einen zu fressen meinet.“ Tatsächlich sondern Krokodile beim Fressen ein Tränensekret ab. Krokodile mögen nicht die freundlichsten Mitgeschöpfe sein – die Heuchelei aber obliegt dem Menschen.
Aktuelles LexikonWas sind Krokodilstränen?

Angeblich vorgetäuschtes Weinen der Reptiliengattung nach dem Töten ihrer Beute – doch in Wahrheit ist die Heuchelei die Spezialität einer ganz anderen Gattung.
Von Joachim Käppner
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