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Profil:Die bayerische Grüne, die in Stuttgart Karriere macht

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

Baden-Württembergs neue Kultusministerin war schon mal Landesvorsitzende - im Freistaat. Mehr ging dort aber nicht.

Von Claudia Henzler

Als Winfried Kretschmann am Mittwoch zum Plenarsaal des Landtags geht, kommt er an Theresa Schopper vorbei, die gerade mit Journalisten spricht. "Dein Mann ist ja Chef des Viktualienmarkts, habe ich heute gelesen", begrüßt er sie scherzend, "das wusste ich gar nicht. Das ist ja das zweithöchste Amt nach dem Oberbürgermeister." Wenig später wird Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Schopper offiziell zu seiner neuen Kultusministerin ernennen.

Während Schopper in Bayern ziemlich bekannt ist, konnten im Nachbarland bisher nur wenige etwas mit ihrem Namen anfangen. Das hat sich in dieser Woche schlagartig geändert. Die Kultusministerin in Kretschmanns drittem Kabinett ist eine ganz besonders gefragte Interviewpartnerin. Es ist das erste Mal, dass die Grünen die undankbare Bildungspolitik, bei der eine Vielzahl selbstbewusster Lehrer- und Elternverbände mitmischen will, selbst übernehmen. Nach einem Jahr Corona-Pandemie ist der Handlungsbedarf in diesem Bereich enorm.

Sie träumte vom Regieren in Bayern

Was hat Schopper als Erstes vor? "Wenn das Dach kaputt ist und es reinregnet, muss man das als Erstes reparieren", sagt sie. "Insofern ist die Frage, wie man mit Corona und den Folgen umgeht, die dringendste." Ein Sofortprogramm mit Fördermaßnahmen soll es geben sowie einen Kinder- und Jugendgipfel.

Die Ministerin ist vor 60 Jahren in Füssen geboren und im Allgäu aufgewachsen, hat in München Soziologie und Kriminologie studiert und dort eine zweite Heimat gefunden. Als die bayerischen Grünen 1986 zum ersten Mal in den Landtag einzogen, fing Schopper kurz darauf als Geschäftsführerin der Fraktion an. 1994 wurde sie erstmals selbst Abgeordnete. 2003 wählten die Grünen sie zur Landesvorsitzenden. Schopper träumte davon, dass ihre Partei die absolute Mehrheit der CSU brechen und in die Regierung kommen könnte.

Dann kam das Jahr 2013, das den Grünen nicht zuletzt wegen einer Diskussion über den "Veggie-Day" schlechte Wahlergebnisse bescherte. Für Schopper wurde es zum Einschnitt. Sie hatte sich zu einer Kandidatur in ihrer alten Heimat im Allgäu statt in München entschlossen - der Versuch misslang, sie verpasste den Wiedereinzug in den Landtag. Kurz darauf kündigte die beliebte Parteichefin der überraschten Basis an, dass sie nicht noch einmal für den Landesvorsitz kandidieren werde. ,"Ich bin jetzt 52 Jahre und möchte gerne den Sprung wagen, neue berufliche Herausforderungen zu suchen. Und wenn nicht jetzt, wann dann."

"Was tue ich mir da eigentlich an?"

Es dauerte nur ein paar Wochen, bis Kretschmann ihr ein Jobangebot unterbreitete. Sie wurde Anfang 2014 Leiterin des Grundsatzreferats im Staatsministerium, übernahm später die politische Abstimmung mit dem Koalitionspartner CDU. 2018 ernannte Kretschmann sie zur Staatsministerin.

Ob damals in München oder heute in Stuttgart: Schopper wird wegen ihres Humors und ihrer authentischen, herzlichen Art geschätzt, als bodenständig und anpackend beschrieben, vor allem aber als jemand respektiert, die tatsächlich zuhört. Bisher schaufelte sie werktags an den Abenden Aktenberge weg und fuhr am Wochenende nach München, wo ihr Mann, der frühere Grünen-Stadtrat Boris Schwartz, lange den Eigenbetrieb Markthallen leitete. Im Juni wechselt er ins Münchner Umweltreferat. Künftig wird wohl er häufiger nach Stuttgart pendeln als umgekehrt.

Schopper hatte nicht damit gerechnet, dass sie ein Ministeramt übernehmen würde. Wer in Bayern politisch sozialisiert wurde, hält Spätimporte aus anderen Bundesländern ja doch für eher ungewöhnlich. Aus Kretschmanns Sicht gab es niemand Besseren für diesen, wie er sagt, "ganz harten Job". Sie selbst war nach der Vereidigung noch etwas hin- und hergerissen zwischen Freude über die "sehr schöne Aufgabe" und dem Gefühl: "Was tue ich mir da eigentlich an?"

© SZ/wok
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