Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Eine Politikerin, die direkte Worte liebt

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Wie Angela Rayner, stellvertretende Chefin der Labour-Partei, zum Ziel des Sexismus der britischen Politik und Medien wurde.

Von Michael Neudecker

Die etwas irre Geschichte, wie Angela Rayner zur Symbolfigur für Sexismus im britischen Parlament wurde, begann am 7. Januar. Die Daily Mail, das größte Boulevardblatt des Landes, schrieb in einer Kolumne, es sei kein Wunder, dass Boris Johnson in Rayners Anwesenheit nervös wirke: "Mit einem schicken Kleid, das ihre Schenkel freilegt, holt sie ihre innere Sharon Stone hervor. Boris hatte immer schon eine Vorliebe für Frauen mit 'basic instincts‛." Angela Rayner ist die stellvertretende Labour-Chefin, sie sitzt im Unterhaus gemäß ihrer Position in der ersten Reihe gegenüber vom Premierminister. Die Kolumne insinuierte, Rayner würde sich verhalten wie Sharon Stone im Film "Basic Insinct", in dem Stone ihre spärlich bekleideten Beine von einer Seite zur anderen schlägt.

Vor Kurzem, mehr als drei Monate später, veröffentliche die Mail on Sunday einen Artikel, in dem ein nicht namentlich genannter Tory-Abgeordneter Rayner erneut mit Sharon Stone verglich. Sie wolle Johnson ablenken - und damit kaschieren, dass sie intellektuell mit ihm nicht mithalten könne. Johnson distanzierte sich davon umgehend, und man könnte die Angelegenheit nun unter den üblichen schmierigen Boulevard-Kampagnen abheften. Zumal der Zeitpunkt kein Zufall ist. An diesem Donnerstag finden Lokalwahlen statt, die Umfragewerte für Johnsons Tories sind miserabel, und die Daily Mail macht keinen Hehl aus ihrer Zuneigung zu ihm. Nur, das dahinter liegende Thema ist zu relevant, um es einfach abzuhaken. Es half Johnson zudem nicht gerade, dass die Times berichtete, bei einer der vielen Lockdown-Partys in Downing Street sei der "Sexist des Jahres" gekürt worden.

Sexismus ist, wie es aussieht, auch im Jahr 2022 ein grundlegendes Problem im Unterhaus, besonders in der Regierungspartei, wie selbst Tory-Abgeordnete beklagten. Angela Rayner ist nur das derzeit prominenteste Opfer.

Als der ultralinke Jeremy Corbyn zum Parteichef aufstieg, unterstützte sie ihn

Ihre Bekanntheit gründet dabei nicht zuletzt auf ihrer extrovertierten Persönlichkeit - im Gegensatz zu ihrem Chef Keir Starmer merkt man ihr an, wie sehr sie Auftritte genießt. Ihre im tiefsten Manchester-Akzent vorgetragene Schlagfertigkeit ist oft beeindruckend, ihre Wortwahl aber hat sie auch schon in Schwierigkeiten gebracht: Erst im vergangenen Jahr bezeichnete sie die Tories als "einen Haufen Abschaum". Angela Rayner gilt als Politikerin, die sagt, was sie denkt, sie schreckt dabei auch nicht davor zurück, selbst unter den eigenen Wählern zu polarisieren. Als der ultralinke Jeremy Corbyn zum Parteichef aufstieg, war sie eine der wenigen Abgeordneten, die ihn unterstützten; in seinem Oppositionskabinett war sie Schattenministerin für Erziehung. Sie setzte sich ein für einen nationalen Erziehungsdienst, ähnlich dem Nationalen Gesundheitsdienst, wobei ihr gerade in diesem Themengebiet ihre persönliche Erfahrung zugutekommt.

Rayner, 42, wuchs unter prekären Umständen nahe Manchester auf, mit einer alleinerziehenden, psychisch kranken Mutter. Sie wurde mit 16 schwanger und verließ die Schule, lernte Gebärdensprache und arbeitete nach einer Ausbildung zur Sozialarbeiterin mehrere Jahre in diesem Beruf. Über Gewerkschaften führte ihr Weg in die Politik: 2015 wurde sie als Abgeordnete des Wahlkreises Ashton-under-Lyne bei Manchester ins Parlament gewählt. 2020, als Keir Starmer Corbyn ablöste, wurde sie von der Partei zu dessen Stellvertreterin gewählt.

Für viele Briten mag die oft rau wirkende Rayner nicht unbedingt die logische künftige Premierministerin sein; als Gegenpol zum kontrollierten Starmer aber ist sie für die Opposition unersetzbar. Die beiden hatten schon einige Auseinandersetzungen, inzwischen aber scheinen sie sich auf ein gemeinsames Ziel geeinigt zu haben. Beziehungsweise: ein gemeinsames Feindbild.

Und das wäre dann doch eine bemerkenswerte Pointe: Wenn Angela Rayners Weg tatsächlich eines Tages in die Regierung führen würde, wäre das auch das Verdienst von Boris Johnson.

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