Süddeutsche Zeitung

Aktuelles Lexikon:Gordischer Knoten

Mit der Verhinderung weiterer Streiks sei er gelöst, sagt die Deutsche Bahn. Eine verwickelte Geschichte.

Von Johan Schloemann

Ob er es bewusst tat oder nicht: Als der Bahn-Personalvorstand Martin Seiler jetzt zur Einigung mit der notorischen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sagte: "Der gordische Knoten ist gelöst", da bemühte er passenderweise eine Metapher aus der Geschichte der Mobilität. Es gab nämlich der antiken Sage nach einen Mann namens Gordios, der war ein einfacher Bauer, aber er besaß immerhin einen Wagen. Ein Orakel hatte nun dem zerstrittenen Volk der Phryger in der heutigen Türkei geweissagt: Der Erste, der auf einem Wagen bei ihnen vorbeikomme, der solle ihr König werden. Und ebendieses Los zog besagter Gordios. Er gründete Gordion, die Hauptstadt Phrygiens, von der es achtzig Kilometer südwestlich von Ankara noch Überreste gibt. Gordios weihte sein Gefährt dem Zeustempel, versah es in dieser heiligen Garage aber mit einer unlösbaren Verknotung, die Deichsel und Joch des Wagens verband. Dieser wurde fahruntüchtig - der erste Mobilitäts-Streik überhaupt. Gordios prophezeite, nur wer den Knoten lösen könne, werde über ganz Kleinasien herrschen. Was dann Jahrhunderte später Alexander der Große getan haben soll, und zwar schlicht mit einem Schwerthieb. Ein Befreiungsschlag - doch die griechische Geschichte blieb auch danach, wie das Verhältnis der Bahn-Gewerkschaften bleibt: verwickelt.

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