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Marktwirtschaft:Firmenchefs planen eine Firma neuen Typs

Produktion Voith

Eine Montage beim Anlagebauer Voith GmbH in Heidenheim - nun wird diskutiert, ob es in Deutschland unbedingt immer so oft die Rechtsform der GmbH sein muss.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Muss es immer nur die GmbH sein? Die dann eines Tages zerschlagen wird? In Deutschland bahnt sich eine neue Form des Kapitalismus an.

Von Marc Beise

Wenn sich Robert Habeck und Friedrich Merz gemeinsam für eine Reform starkmachen, dann ist das ungewöhnlich und kann zweierlei bedeuten: Entweder die Sache ist völlig harmlos - oder ein Knaller. Harmlos kann der Plan eines neuen Eigentumsrechts an Unternehmen, für den die beiden am Mittwoch in Berlin zusammen mit anderen Spitzenpolitikern auf die Bühne gegangen sind, kaum sein. Also: bedeutend. Und realistisch?

Im Kern geht es darum, das noch aus dem Kaiserreich stammende GmbH-Recht, das die deutsche Wirtschaft prägt, durch eine moderne Gesellschaftsform zu ergänzen, die weniger auf Profit setzt, und mehr auf gesellschaftliche Verantwortung.

Was aber auch heißt: In diesem Modell, das ursprünglich von Unternehmern aus der Start-up-Welt erdacht wurde, hätte der Patriarch alter Schule ausgedient. Familien könnten mit ihren Unternehmen nicht mehr nach Gutdünken schalten und walten, im Guten wie im Schlechten. Deshalb sind organisierte Vertreter des Mittelstands und auch mancher selbstbewusste Unternehmer entschieden gegen das Modell, die Rede ist vom "Sozialismus auf leisen Sohlen". Nur stimmt das nicht.

Jeder bekäme seinen Lohn. Aber niemand mehr den schamlosen Zugriff auf die Kasse

Niemand will ja das Eigentumsrecht des Grundgesetzes antasten, natürlich bleiben die Firmen im Eigentum der Unternehmerfamilien, die oft ja auch die Gründer sind. Nur soll "Familie" eben weiter definiert werden: Es können auch Mitarbeiter sein, die bereits gegen kleine Summen zum Miteigentümer gemacht werden können. Und sie alle - Alt- und Neueigentümer - sind dem Unternehmen verpflichtet. Sie erhalten für ihre Arbeit eine angemessene Entlohnung, schamlose Millionenausschüttungen, wie sie heute gelegentlich vorkommen, wären in dieser neuen Rechtsform nicht mehr möglich. Davon abgesehen bleibt das Kapital im Unternehmen und soll natürlich weiteren Profit erwirtschaften - zum Wohle der Eigentümer und der Mitarbeiter.

Es ist bezeichnend, dass diese Idee einiger Wirtschaftsleute binnen weniger Monate viel Unterstützung erfahren hat. Grüne und SPD haben es im Parteiprogramm, CDU und FDP erwägen dies; sie alle spüren: Da ist etwas, worüber wir reden müssen. Die Chancen auf eine Reform des Gesellschaftsrechts nach der Bundestagswahl sind da, und das wäre ein gutes Signal: dass Wirtschaft sich weiterentwickelt.

Das deutsche Unternehmensrecht hat gut funktioniert, hundert Jahre lang und länger. Derzeit aber passieren Dinge, die ein Neudenken erzwingen. Erstens erzeugt die Digitalisierung weltweit eine neue Gründerzeit. Und gerade in Deutschland streben viele junge Gründerinnen und Gründer eben nicht nach dem schnellen Verkauf ihrer Firma gegen flotte Millionen- oder gar Milliardenerlöse. Sondern sie wollen einen neuen Mittelstand aufbauen. Es ist kein Zufall, dass die Idee in ihrem Milieu entstanden ist.

Und zweitens fällt es den etablierten Unternehmen zunehmend schwer, Nachfolger zu finden, die Hälfte aller Mittelständler kämpft mit diesem Thema. Im Ergebnis fallen viele Unternehmen an Firmenfremde oder gar an Finanzinvestoren. Das kann gutgehen, weil diese frisches Kapital und neue Ideen mitbringen. Wenn es aber schlecht läuft, werden die Firmen entweder zugrunde gewirtschaftet oder ausgeweidet, zerschlagen, eliminiert.

Besser Wahlverwandtschaft als gar keine Verwandtschaft

Fälle dieser Art tragen zur ohnehin schwindenden Akzeptanz der Marktwirtschaft bei. Die Menschen merken und missbilligen, dass der gute Unternehmer klassischer Prägung Konkurrenz durch Raubritter bekommt, und das verstärkt das Unwohlsein, das viele Menschen ohnehin schon haben. Sie merken ja, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Das Aufstiegsversprechen der Mittelschicht funktioniert immer weniger. Gut läuft es eigentlich nur noch für die, die schon Immobilien oder Aktienkapital haben. Alle anderen müssen kämpfen, und oft genug werden sie vergeblich kämpfen.

Das neue Recht will Gründer motivieren und etablierte Unternehmen retten, durch eine Ausweitung des Familienbegriffs, ein bisschen so, wie es im Zivilrecht die Ehe für alle für die traditionelle Ehe wollte: Es soll eben nicht nur Blutsverwandtschaft zählen, sondern auch Werteverwandtschaft. Die klassische GmbH wird es in Deutschland weiter geben. Nur wäre eben eine neuere, soziale Form im Angebot, die einfacher ist als das Stiftungsrecht, das es ja schon gibt. Und dann überlässt man es dem Wettbewerb, welches Modell sich durchsetzt. Welches Unternehmen das bessere Image hat. Wem die Kunden vertrauen.

Das ist liberale Politik vom Feinsten und erklärt, warum auch überzeugte Marktwirtschaftler die neue Idee so bestechend finden können. Und es wäre eine wunderbare Gelegenheit, das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft fortzuschreiben, gerade auch in Abgrenzung zum profitkonzentrierten amerikanischen Kapitalismus.

© SZ
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