Klaus Theweleit:Pionier der männlichen Emanzipation

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(Foto: Patrick Seeger/picture alliance /dpa)

In einer wegweisenden Studie untersuchte der Freiburger Autor Klaus Theweleit schon in den Siebzigerjahren antidemokratische maskuline Gewalt. Dafür wird er nun geehrt.

Von Kia Vahland

Er ist der Anarchist unter den deutschen Denkern, einer, der je nach Bedarf zwischen literarischen und wissenschaftlichen Formen schwankt, im Quellenmaterial schwelgt und ebenso in ganz subjektiven Assoziationen. Herkömmliche Berufsbezeichnungen - Historiker, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Journalist - passen zu Klaus Theweleit nicht, er ist eigentlich immer nur Klaus Theweleit. Für sein Lebenswerk als Klaus Theweleit wird dem Freiburger, wie gerade bekannt wurde, der Theodor-W.-Adorno-Preis verliehen, am 11. September in der Frankfurter Paulskirche.

Theweleit sucht das Übel nicht nur bei anderen, sondern auch in sich selbst

Seinen Durchbruch als Autor erlebte der heute 79-Jährige 1977/78 mit seiner Untersuchung "Männerphantasien", einer über 1200 Seiten dicken Abhandlung über die Dynamik der Zerstörung, der sich insbesondere, aber nicht nur, die demokratiefeindlichen Mitglieder der Freikorps hingaben - jene Männer also, die während der revolutionären Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland Aufstände von Arbeitern und Sozialisten niederschlugen. In dem Werk, das auch seine Dissertation war, bediente sich Theweleit der Psychoanalyse und Populärkultur wie der Geschichts- und Literaturwissenschaft, und er arbeitete entgegen der akademischen Konvention mit dem eigenen Gefühlshaushalt. So legte er offen, dass sein Werk auch als Auseinandersetzung zu verstehen sei mit seinem prügelnden Vater, einem Eisenbahner, der aus seiner Hitler-Anhängerschaft während der NS-Zeit keinen Hehl machte und nach dem Krieg Antisemit geblieben ist. Nun rechneten in den Siebzigerjahren viele Söhne mit ihren Vätern ab. Theweleit aber offenbarte auch die eigenen Impulse und erzählte, wie er als Schüler selbst cholerisch war und erst in Liebesbeziehungen mit Frauen lernte, das, wie er es nennt, "Soldatische" abzulegen und sich auf andere Menschen und sich selbst einzulassen. Er habe dabei viel gelernt von seiner Ehefrau, einer Kinderpsychoanalytikerin, und von der Fürsorge für das gemeinsame Kind.

Die "soldatische" Männlichkeit, die Theweleit analysiert, ist nicht in erster Linie von Kameradschaft und Pragmatismus geprägt, wie es in einer modernen Armee zu erwarten wäre, sondern von immenser Angst und dem Versuch, diese in starren Hierarchien und Gewalt gegen Außenstehende zu bändigen. Die Angst gilt dem Weiblichen, das in diesem Denken für alles Unberechenbare steht und deshalb in die Kategorien der keuschen Krankenschwester oder der verachtenswerten Prostituierten gepresst werden muss. Sie gilt auch dem "Anderen", seien es Kommunisten, Juden oder Nichtdeutsche, die in der Vorstellung der Freikorps-Mitglieder in den vermeintlich "gesunden Volkskörper" eindringen und diesen zerstören wollen.

Heute verbreiten Rechtsradikale Frauen- und Judenhass

Lange bevor die historische Affekt- und Körperforschung Fahrt aufnahm, beschäftigte sich Theweleit mit dem gestörten Körperbewusstsein gewalttätiger (und oft selbst geschlagener) Männer, die dem Autor zufolge schnell die eigenen Körpergrenzen mit denen ihres Landes verwechseln und meinen, beides zu schützen, indem sie andere herabwürdigen, ausschließen und vernichten.

Ausgestorben ist das Phänomen in langen Jahrzehnten einer funktionierenden Demokratie nicht, wie Theweleit anlässlich der Neuauflage seiner "Männerphantasien" vor zwei Jahren betonte. Heute legen etwa rechtsradikale Attentäter eine solche Gewaltlust an den Tag, die sich wieder nährt aus Frauenhass, Antisemitismus und Rassismus.

Und doch hat sich viel geändert, seit das Buch erstmals erschienen ist. Viele Männer verweigern sich längst dem alten Ideal absoluter Härte, kümmern sich um ihre Kinder und um andere Menschen. Klaus Theweleits Arbeit dürfte dazu mit beigetragen haben.

Was er nicht mag, ist ein "Rechthabergestus". Den hat er einmal sogar bei Theodor W. Adorno ausgemacht. Man darf auf Klaus Theweleits Preisrede gespannt sein.

© SZ/fzg
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