Gesellschaft:Raus aus der Politik, zurück in die Schule

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Gesellschaft: Bisher sprach sie im Mainzer Landtag, ab sofort vor der 4c in Berlin: Giorgina Kazungu-Haß , 44.

Bisher sprach sie im Mainzer Landtag, ab sofort vor der 4c in Berlin: Giorgina Kazungu-Haß , 44.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Eine SPD-Abgeordnete gibt ihr Mandat auf, weil sie lieber wieder Lehrerin sein will. Hier erklärt Giorgina Kazungu-Haß aus Haßloch, warum.

Von Paul Munzinger

Den Sprung nach Berlin zu schaffen ist der Traum vieler Landespolitikerinnen und Landespolitiker. Giorgina Kazungu-Haß hat ihn sich erfüllt. Am Mittwoch war sie noch Landtagsabgeordnete für die SPD in Rheinland-Pfalz. Keine 24 Stunden später, am Morgen des 1. September, trat sie ihren neuen Job in der Hauptstadt an. Allerdings hat Giorgina Kazungu-Haß beim Sprung nach Berlin nicht nur die Landespolitik hinter sich gelassen, sondern die Politik überhaupt. Ihr neuer Job: Lehrerin. Ihr neuer Arbeitsplatz: eine Grundschule in Berlin-Lichtenberg. Ihr neues Plenum: die 4c. "Wie ein Fisch im Wasser" habe sie sich am ersten Tag gefühlt, sagt Kazungu-Haß am Telefon. Denn ihr neuer Job ist ja auch ihr alter.

Eine Abgeordnete, die der Politik den Rücken kehrt, um an die Schule zurückzukehren: Das ist natürlich eine schöne Geschichte in diesem Spätsommer, wo Bundesland für Bundesland das neue Schuljahr im Zeichen des sich zuspitzenden Lehrermangels beginnt. Das weiß auch Kazungu-Haß. Sie verlasse "schweren Herzens eine großartige Fraktion und eine extrem spannende politische Aufgabe", ließ sie sich zum Abschied von der SPD zitieren. "Aber ich habe mich entschieden, meine Lehrerkolleg*Innen in dieser anspruchsvollen Zeit wieder zu unterstützen."

Das klingt in seiner ausgestellten Selbstlosigkeit schon wieder verdächtig. Aber wenn man mit Kazungu-Haß spricht, über Politik, die Schule und natürlich über Veränderungen, dann stellt sich heraus: Manchmal kann die Gesellschaft einen Menschen einfach genau da gut brauchen, wo dieser Mensch auch gerne sein will.

Giorgina Kazungu-Haß wurde vor 44 Jahren in Koblenz geboren. Die erste Hälfte ihres Nachnamens kommt wie ihr Vater aus Kenia, die zweite kommt wie ihr Mann aus Haßloch, das kann man sich leicht merken. Sie studierte Deutsch und evangelische Theologie auf Realschullehramt, arbeitete als Lehrerin und Konrektorin einer integrierten Gesamtschule, bekam vier Söhne und zog 2016 für die SPD in den Landtag in Mainz ein. Nach 15 Jahren Schulpraxis kümmerte sie sich dort vor allem um Schulpolitik, zuletzt als Vorsitzende des Bildungsausschusses.

"Ich gönne es mir, meine Persönlichkeit wieder mehr auszuleben."

Wer Bildungspolitik macht, ist viel an Schulen unterwegs, und je stärker dort der Lehrermangel spürbar wurde, desto öfter fragte Kazungu-Haß sich bei ihren Besuchen, ob sie nicht dableiben soll. Ob sie nicht wieder den Job machen soll, den sie gelernt hat und in dem sie gebraucht wird, statt im Landtag darüber zu klagen, dass ihn keiner machen will. Und auch das hat sie sich gefragt: Ob sie nicht wieder in einem Job arbeiten will, wo sie etwas zum Besseren verändern kann, sofort, an Ort und Stelle. "Selbstwirksamkeit" sagt Kazungu-Haß dazu. Und man kann sich fragen, ob es mehr über sie oder die Politik aussagt, dass ihr dieses gute Gefühl im Parlament gefehlt hat. "Ich gönne es mir", sagt sie, "meine Persönlichkeit wieder mehr auszuleben."

Und zwar in Berlin. Womit ihr doppelter Wechsel - neuer Job, neue Stadt - sich endgültig in eine biografisch-demografische Win-win-Situation verwandelt. Kaum irgendwo in Deutschland ist der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern so groß wie in Berlin, vor allem an den Grundschulen - und Kazungu-Haß wollte eben gerne in die Hauptstadt. Mit ihrer Familie hat sie schon nach vier Tagen eine Wohnung gefunden, "das sollten wir den Berlinerinnen und Berlinern besser nicht erzählen".

Als Mutter, Lehrerin und Ex-Politikerin habe sie jetzt "den 360-Grad-Blick" auf das Schulsystem, sagt Kazungu-Haß. Sie erlebt, wie die Corona-Krise auf den Kindern laste, "viele müssen das Lernen erst mal lernen". Sie sieht, wie sich die Quereinsteiger reinhängen, die gerade in Berlin viele Lücken füllen müssen und nicht den besten Ruf genießen. Und sie glaubt, dass sie mehr Verständnis mitbringt für die Bildungspolitik, die ja oft schwer auf den Deckel bekommt. Das legendäre Berliner Schulchaos dürfte diese Ankündigung bald auf die Probe stellen.

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