Gil Ofarim:Gar nichts verstanden

Antisemitismus und der Fall Gil Ofarim: Demonstration vor dem Hotel Westin Leipzig

Demonstranten am Dienstagabend vor dem Leipziger Westin-Hotel, das beschuldigt wird, den Musiker Gil Ofarim aus antisemitischen Motiven diskriminiert zu haben.

(Foto: Dirk Knofe/dpa)

Ein Davidstern in Leipzig: Die Empörung über Vorfälle von Alltags-Antisemitismus ist mehr als berechtigt. Mehr Zivilcourage wäre noch besser.

Kommentar von Gökalp Babayiğit

Und wieder sind alle fassungslos. Doch bei aller Entsetzlichkeit der Geschehnisse im Leipziger Westin-Hotel: Überraschen darf der antisemitische Vorfall, den der Musiker Gil Ofarim publik gemacht hat, eigentlich niemanden. Ein kurzer Blick in die Nachrichten der vergangenen Wochen genügt, um zu erahnen, welche Dimension der Antisemitismus angenommen hat - oder besser: welche Dimension des Antisemitismus mittlerweile sichtbar wird. Denn existent war er schon immer.

Am 16. September kommt ein 16-jähriger Syrer in U-Haft. Ihm wird vorgeworfen, einen Anschlag auf die Hagener Synagoge geplant zu haben. Am 18. September wird ein 60-jähriger Mann krankenhausreif geprügelt, der in Hamburg an einer Mahnwache gegen Antisemitismus teilnahm. Beim Europapokal-Spiel von Union Berlin gegen Maccabi Haifa am 30. September kommt es zu üblen antisemitischen Beleidigungen gegen die Fans des israelischen Meisters. Am 5. Oktober meldet die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, an neun Holzbaracken des ehemaligen Vernichtungslagers seien holocaustleugnende und antisemitische Schmierereien in englischer und deutscher Sprache entdeckt worden. Und dann ist da noch das Instagram-Video von Gil Ofarim. Der Musiker mit israelischen Wurzeln berichtet darin von einem Vorfall in dem Leipziger Hotel. Zwei Mitarbeiter hätten ihn aufgefordert, seine Halskette mit dem Davidstern abzunehmen, sonst könne er nicht einchecken.

Warum fühlt sich keiner bemüßigt, einem Opfer von Diskriminierung beizustehen?

Natürlich ist die Empörung vollends berechtigt, die sich noch in der Nacht vor dem Hotel in Leipzig Bahn gebrochen hat. Mehr als 400 Menschen versammelten sich dort, um ihre Solidarität mit Ofarim und den Jüdinnen und Juden in Deutschland zu bekunden. Und natürlich zeigt die überwältigende mediale Resonanz auf das Video, dass die Reflexe eines Großteils der Öffentlichkeit noch richtig greifen. Dieser besonders perfiden Art des Antisemitismus, die darauf abzielt, durch die Bekämpfung der entsprechenden Symbole - in diesem Fall des Davidsterns - jüdisches Leben in Deutschland unsichtbar zu machen, mithin als nicht zugehörig zu klassifizieren, muss mit aller Macht entgegengetreten werden.

Dennoch stechen zwei Dinge bei diesem Fall heraus, die besondere Beachtung verdienen - und die bei aller wohltuenden, herzerwärmenden Solidarität doch zeigen, wie viel im Umgang mit solchen Vorfällen noch im Argen liegt. Zum einen meldete sich am Tag nach Veröffentlichung seines Videos Gil Ofarim noch einmal zu Wort und gibt zu erkennen, dass er sich die Unterstützung von anderen Gästen gewünscht hätte. Niemand habe etwas gesagt, als die Hotel-Mitarbeiter ihn aufforderten, seinen Davidstern "wegzupacken". Zivilcourage mag im Angesicht von drohender physischer Gewalt mitunter schwer aufzubringen sein. Dass sich aber offenbar niemand in einer gut gefüllten Lobby bemüßigt fühlt, sich an die Seite eines Opfers von Diskriminierung zu stellen, lässt mangelndes Problembewusstsein vermuten.

Wer einen in München geborenen Deutschen "integrieren" will, ist Teil des Problems

Zum anderen ist da die Reaktion des Hotels. In einer Stellungnahme zeigt es sich "besorgt" über den Vorfall. Sein Ziel sei es, "alle unsere Gäste und Mitarbeiter zu integrieren, zu respektieren und zu unterstützen". Ein gepostetes Bild zeigt außerdem Mitarbeiter, die vor dem Hotel stehen und ein Transparent in Händen halten, auf dem Israel-Fahnen zu sehen sind. Wer einen in München geborenen Deutschen "integrieren" möchte, wer unverhohlenen Antisemitismus als etwas versteht, das irgendwas mit Israel zu tun haben muss, der hat im Ansatz nicht verstanden, was das Problem ist.

Zur Eröffnung des Europäischen Zentrums für Jüdische Gelehrsamkeit an der Universität Potsdam im August sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Nur wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder vollkommen zu Hause sind, sich vollkommen sicher fühlen, nur dann ist dieses Land ganz bei sich."

Betrachtet man Vorfälle wie jenen in Leipzig, dann zeigt sich: Der Weg ist noch weit.

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