Süddeutsche Zeitung

Werner Gatzer:Der Staatssekretär von Steinbrück, Schäuble, Scholz - und nun Lindner

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Normalerweise muss ein solcher politischer Beamter gehen, wenn ein neuer Minister kommt. Aber der im Bundesfinanzministerium bleibt, seit 2005 schon.

Von Cerstin Gammelin

Rente wäre eine Option gewesen für ihn, jetzt, mit 63. Aber natürlich kommt es anders. Zwar soll sein bisheriger Chef, Olaf Scholz, in der kommenden Woche ins Bundeskanzleramt umziehen. Werner Gatzer aber, der Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums, wird nach SZ-Informationen bleiben - und künftig einem so hoch ambitionierten wie unerfahrenen Minister Christian Lindner helfen, eine stabile Haushaltspolitik hinzukriegen.

Für Lindner ist es zwar eine Frage des Stils, nicht vor der Vereidigung über seine künftigen Staatssekretäre zu sprechen. Aber generell, lässt er wissen, orientiere er sich bei Personalentscheidungen an der Eignung, und nicht an parteipolitischen Interessen. Was in diesem Fall nach einer klugen Entscheidung klingt. Wenn der FDP-Chef das Ministersein schon noch lernen muss, braucht er erfahrene Leute um sich, auf die er sich verlassen kann. Solche wie Gatzer. Dessen SPD-Parteibuch? Stört nicht.

Gatzer kam 1990 als junger Beamter ins Bundesfinanzministerium. Lindner wäre für ihn nach Theo Waigel, Oskar Lafontaine, Hans Eichel, Peer Steinbrück, Wolfgang Schäuble und Olaf Scholz der siebte Finanzminister, dem er diente (hinzu kommen noch die beiden kommissarischen Amtsinhaber Werner Müller und Peter Altmaier). Zum Staatssekretär machte ihn 2005 Peer Steinbrück. Schon die schiere Anzahl der Minister, denen Gatzer die Etats gerechnet hat, ist bemerkenswert - vor allem aber ihre politische Farbpalette: Von christlich-sozial, christlich-demokratisch, sozialdemokratisch-links bis sozialdemokratisch-konservativ war alles dabei, nun kommt ein Freidemokrat. Fehlte nur noch ein Grüner, irgendwann. Schon jetzt ist er der ewige Haushaltsstaatssekretär in der Geschichte der Bundesrepublik - länger war keiner im Amt.

Der Haushaltsstaatssekretär ist der mächtigste Beamte der Bundesrepublik. Er sitzt auf dem Geld. Ohne ihn ist alles nichts. Er ist sozusagen der Türsteher des Bundesfinanzministers, der die Bittsteller abweist. Er kennt jeden Winkel im Bundeshaushalt.

Natürlich stellen sich da Fragen. Wieso schmeißt den roten Kassenwart keiner raus? Wieso bleibt der immer da?

Antworten liefert der Blick zurück. Seit 1978 gab es (einschließlich der kommissarischen Finanzminister) elf Amtsinhaber, aber nur drei Staatssekretäre, Gatzer eingeschlossen. Als 2009 Steinbrück ging und Schäuble kam, behielt er den Staatssekretär, weil der sich auskannte. Später ließ er ihn nicht gehen, weil er sich an ihn gewöhnt hatte. Vor der Bundestagwahl 2013 fragte er Gatzer, ob er bleiben würde, falls er selbst Minister bliebe. So kam es auch. Als Schäuble ging, stellten sich seine Mitarbeiter im Hof zu einer schwarzen Null auf, dem Markenzeichen der von Gatzer geleiteten Haushaltsplanungen. Mit Schäuble wollte auch der ewige Gatzer weg, er wechselte zur Bahn - nur um nach zwei Monaten wieder zurückzukommen, weil Olaf Scholz ihn rief.

In einem Interview hat Gatzer einmal erzählt, was den Job so interessant mache: "Ich muss mich mit allem beschäftigen, weil ohne Geld ja nix geht." Er hat erlebt, wie die von Steinbrück angepeilte schwarze Null durch den Bankencrash zermahlen wurde, er hat die goldenen Zeiten der Überschüsse erlebt und wie Scholz in der Corona-Krise zum großzügigsten Minister überhaupt wurde.

Natürlich markiert so jemand Fußstapfen. Bei Gatzer sind es jetzt schon große: Er hat 2009 die Schuldenbremse erfunden, die seither in der Verfassung steht und einer der finanzpolitischen Grundsätze ist, die sein künftiger Chef Lindner in den Koalitionsvertrag gezogen hat.

Gatzer stammt aus Bergisch Gladbach, ist Jurist, verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und Fan des 1. FC Köln. Er sagt, wenn er mit seiner Frau ausgehe, dann sowieso 2 G. 2 Gatzer. Wer will, darf dies unter rheinischem Humor einordnen.

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