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Gartenschauen:Blühende Landschaften

Vor der geplanten Eröffnung der BUGA

Trotz Corona-Pandemie soll jetzt die Bundesgartenschau (Buga) in Erfurt eröffnen.

(Foto: Michael Reichel/dpa)

Vom Bodensee über Ingolstadt bis Erfurt: Derzeit ballen sich die Gartenschauen. Zum Glück - denn im Lockdown werden Gärten und Parks zu Sehnsuchtsorten. Das hilft auch im Klimawandel.

Kommentar von Gerhard Matzig

Wer von Natur und Gärten statt von Beton und Häusern umgeben ist, erleidet seltener psychische Erkrankungen. In der Stressforschung wird sogar angenommen, dass das Schizophrenie-Risiko in Städten doppelt so hoch ist. Städte mit ihren zunehmend verdichteten, nicht immer auch begrünten Lebensräumen gelten als Stressfaktoren. Die Verstädterung als weltweites Phänomen, bis 2050 werden sieben von zehn Menschen in Ballungsräumen leben, ist insofern besorgniserregend.

Die Bundesgartenschau kann der Stadtentwicklung helfen

Dass der Besuch der Bundesgartenschau in Thüringen, die an diesem Freitag eröffnet wird (coronabedingt sollen die meisten Feierlichkeiten im Sommer nachgeholt werden), bei den Krankenkassen abgerechnet werden kann, stimmt leider nicht. Trotzdem muss man sagen: Ereignisse wie die Buga in Erfurt, wo schon 1865 die erste internationale Gartenschau stattgefunden hat, sind längst keine Hobbygärtner-Events mehr. Sie dienen der Stadtentwicklung und sind mit Blick auf die mitunter dramatischen Urbanisierungsschübe von Bedeutung auch jenseits der Rosen- oder Ritterspornbeete.

Was nicht heißt, dass das Publikum in Erfurt und anderswo (nach Online-Anmeldung) nicht auch über blühende Landschaften und aktuelle Gartenkunst staunen soll. Das gilt ebenso für die bayerische Landesgartenschau in Ingolstadt, die am Mittwoch eröffnet wurde und von Freitag an zugänglich ist. Eine baden-württembergische Landesgartenschau soll bald in Überlingen stattfinden. Und nebenan am Bodensee, in Lindau, wird vom 20. Mai an überdies noch eine kleine Gartenschau präsentiert.

Die zeitliche Nähe all dieser programmatisch divergenten Gartenschauen ist der Pandemie und etlichen Terminverschiebungen geschuldet. Aber im Grunde passt das geballte Schau-Grün auch perfekt in die Zeit. Die Menschen sind nach all den Lockdowns und einem langen Winter zwischen Wohn-Isolation und Home-Office einfach reif für das, was die Soziologie als gesellschaftlichen Megatrend beschreibt. Der Begriff dafür ist "Neo-Nature". Eine nicht gering zu erachtende Schwundstufe davon ist der Garten im privaten und die Grünanlage im öffentlichen Raum.

Patienten genesen schneller, wenn sie Pflanzen sehen

Man weiß, dass das Begrünen unserer Habitate zu den wichtigsten Zukunftsstrategien gegen den Klimawandel zählt. Wohnungen, Häuser und Städte sowie deren Bau und Unterhalt sind für einen Großteil der Kohlenstoffdioxid-Emissionen verantwortlich. Das Begrünen der Lebensräume dient nicht allein dem Auge oder dem Gemüt, sondern ist von existenzieller Bedeutung. Wenn man weiß, dass bereits 1984 ein Versuch in Texas unternommen wurde, der zum Fachgebiet der "Healing Architecture" führte, zur heilenden Architektur, dann kann man sich über die Ignoranz gegenüber den daraus resultierenden Einsichten nur wundern.

Damals beobachtete man in einem Krankenhaus vergleichbare Patientengruppen während der Regeneration nach einem chirurgischen Eingriff. Ergebnis: Menschen, die während der Genesung auf Pflanzen schauen, gesunden schneller, nehmen weniger Schmerzmittel und leiden seltener unter Depressionen. Vor diesem Hintergrund ist die Verdichtung der Städte, die nicht mit einer ebenso resolut betriebenen Nachbegrünung einhergeht, ein schwerer Fehler. Grün ist die Farbe der Hoffnung - aber die landschaftsarchitektonische und gärtnerische Nachrüstung der Lebensräume muss in der Realität ankommen.

© SZ/kia
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