Dänemark:Das System Mette

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Ministerpräsidentin Frederiksen ruft Neuwahlen aus. Sie will aus einer Niederlage doch noch einen Triumph machen.

Kommentar von Kai Strittmatter

Es war zu erwarten, dass Mette Frederiksen eigenhändig ihrer Regierung das vorzeitige Ende bereiten würde. Dass sie am Mittwoch Neuwahlen für Dänemark ausrufen würde - statt sich am Donnerstag in einem Misstrauensvotum stürzen zu lassen. Auch wenn sie in die Ecke gedrängt ist, möchte sie, dass es so aussieht, als habe sie alles unter Kontrolle.

Anfangs - als unerschrockene Oberbefehlshaberin in der Corona-Pandemie - kam ihr dieses Image zugute. Später regte sich im gerne hierarchieskeptischen Dänemark mehr und mehr Kritik an der Zentralisierung der Macht im Büro einer oft kühl und autoritär auftretenden Ministerpräsidentin. Mette Frederiksen deutete zuletzt an, sie sehe sich als Opfer von frauenfeindlichen Doppelstandards: Die Macht und ihr Gebrauch seien nun einmal das Wesen einer Regierung - was bei ihr als unangemessener Machthunger und Kontrollsucht kritisiert worden sei, werde bei Männern als entschlossenes Zupacken beklatscht. Da macht sie es sich allerdings zu einfach: Ihre Regierung ist im Fall der Massenschlachtung der Nerze erwischt worden bei rechtswidrigem Tun. Dass ein solcher Rechtsbruch in einem ganz auf Mette Frederiksen zugeschnittenen System am Ende auch auf sie zurückfällt, braucht sie nicht zu wundern. Sie wird hier zu Recht zur Verantwortung gezogen.

Mette Frederiksen weiß das natürlich. Und sie ist Profi. Der Wahlkampf hat begonnen. Ihre Ausrufung von Neuwahlen vor dem Hintergrund von Schloss Marienborg war mit einem guten Schuss Pathos untermischt. Und ihre Regierungserklärung am Tag zuvor war überraschend persönlich gewesen, sie zeigte sich so, wie man sie die letzten Jahre kaum gesehen hatte, nämlich als warme, mitfühlende, auf alle Lager zugehende Regierungschefin. Wenn die Wähler ihr in vier Wochen das tatsächlich abkaufen, dann hätte Mette Frederiksen das Kunststück geschafft, aus einer ihrer größten Niederlagen einen Moment neuen Triumphes zu machen.

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