Frauenrechte:Eine erfräuliche Geschichte

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Seit 50 Jahren ist die Anrede Fräulein aus der Amtssprache gestrichen, ohne aber aus dem Alltag zu verschwinden. Ein gutes Zeichen.

Kommentar von Meredith Haaf

Bieder bis zum Gehtnichtmehr, eindeutig sexistisch oder bezaubernd altmodisch? "Fräulein" ist eines dieser Worte, die in jedem Ohr anders klingen. Sicher ist jedenfalls: Obwohl es an diesem Wochenende seit 50 Jahren nicht mehr als Anrede für unverheiratete Frauen in der Amtssprache verwendet werden darf, und davor jahrzehntelang politisch und kulturell bekämpft wurde - weder aus der Alltagssprache noch aus den Köpfen ist das Fräulein verschwunden. Abgeschafft wurde es vor allem auf Betreiben der FDP, die damit "dem zeitgemäßen Selbstverständnis der Frau" gerecht werden wollte.

Heute gibt es Zeitschriften, feministische Performancegruppen, Modelabels, die es im Namen tragen, und vermutlich keine deutsche Stadt ohne Café, Friseurladen oder Eisdiele, die irgendwas mit Fräulein heißt. Offensichtlich weckt das Wort bei der Generation, die sich nie als Fräulein ansprechen lassen musste, wohlige Assoziationen. Die Verkleinerungsform des Wortes Frau hat auch in anderen Sprachen diese spielerische Ambivalenz: Man muss nur mal das Wort Frühstücksmamsell laut sagen - irgendwie schrecklich, aber schön. Zuletzt flötete die junge Popsängerin Camila Cabello in einem Hit: "Ich liebe es, wenn du mich Señorita nennst" (auf Englisch natürlich).

Hätte man es also gleich lassen können? Nein, das kann man etwa in den deprimierenden Geschichten der Ausbeutung ursprünglicher Fräuleins - sprich lediger, arbeitender Frauen - bei Schnitzler oder Horváth nachlesen. Dass Frau Frau ist, egal ob sie einen Mann an der Seite hat oder nicht, hat Konsequenzen für ihre Freiheit - die erst erlaubt das spielerische "Fräulein". Beim Thema Gendern, also dem fortgeschrittenen Versuch, der Existenz von Frauen und non-binären Menschen sprachlich gerecht zu werden, wird derzeit gern Überdruss demonstriert: Es sei doch wichtiger, die Realität zu ändern als die Wortwahl. Doch das stimmt nicht. Manchmal muss man die Verhältnisse wenigstens dem Namen nach ändern, damit die Realität sich dann über die Jahrzehnte anpasst.

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