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Afrika:Ratlos an der Terrorfront

In Aufbruchstimmung: Französische Soldaten verlassen ihre Basis in Mali.

(Foto: AP/AP)

Emmanuel Macron will seine Soldaten aus dem Sahel holen, wo sie gegen Dschihadisten kämpfen. Aber wer wird dann das Vakuum füllen?

Kommentar von Arne Perras

Noch vor wenigen Jahrzehnten zog es vor allem Europas Abenteurer in die Wüste. Manche fuhren bis in den Sahel, wo die Sahara übergeht in die Savannen und Wälder des tropischen Afrika. Diese Gegenden dienten als Sehnsuchtsorte. Einsamkeit und Weite, fantastische Farben und Felsformationen, dazu endlose Pisten, auf denen man auch mal selbst am Auto schrauben musste, wenn die Karre liegen blieb. Timbuktu als Antithese zu Mallorca.

Doch das alles hat sich gewandelt. Für Reisende sind viele Gebiete zu gefährlich geworden, die Sahelzone ist ein Krisengebiet, in dem Europäer nun Kampfanzug tragen. Soldaten jagen Terroristen. Denn es haben sich Dschihadisten festgesetzt, was nicht nur Afrika gefährdet, sondern auch Europa.

Insofern hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine Entscheidung von großer Tragweite getroffen. Er verkündete nun den militärischen Rückzug, die Truppe mit 5100 Mann wird deutlich kleiner. Einige Hundert Spezialkräfte sollen bleiben. Das wird die gesamte Sicherheitsarchitektur im Sahel verändern, wo Paris bisher als Führungsmacht im Anti-Terror-Kampf agierte.

In diesen Ländern, von Mauretanien bis nach Tschad, geht es aber um mehr als den Vormarsch von Dschihadisten. Wo Staaten wanken und zerfallen, breitet sich nicht nur Gewalt aus, es wachsen auch Angst und Perspektivlosigkeit. Das treibt Menschen zur Flucht. Und es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass ihr Kompass nach Norden zeigt.

Auf Macron lastet innenpolitischer Druck, die Operation Barkhane ist nicht populär, 55 Soldaten sind schon gestorben. Auch hätte Paris gerne mehr Engagement der Bundeswehr gesehen. Zwar ist sie an Operationen im Sahel beteiligt, doch Spezialkräfte wollte Berlin nicht stellen. Paris war nicht erfolgreich mit seinem Plan, die Lasten der Einsätze stärker auf mehrere Schultern zu verteilen.

Als Rückschlag empfand Paris auch den Tod des tschadischen Präsidenten Idriss Déby. Er galt als verlässlicher Verbündeter, der vielerorts im Sahel eigene Truppen gegen Islamisten mobilisierte. Allerdings war Déby auch ein Diktator und provozierte die Frage, was für Männer Ffrankreich dort stützt.

Die Militarisierung, die Europa mit befördert, hat eine toxische Dynamik

Macrons Rückzug rückt Europas großes Dilemma ins Licht: Einerseits droht nun ein Vakuum, das Dschihadisten neue Räume öffnen könnte. Andererseits ist sichtbar, dass militärische Einsätze nicht weit führen in fragilen Staaten, solange der Bevölkerung jede politische Perspektive fehlt. Feuerwehreinsätze löschen Brände, aber das Haus bleibt erst mal eine Ruine. Schlimmer noch: Die Militarisierung, die Europa mit befördert, hat ihre eigene toxische Dynamik, sie trägt zu einer breiten Verrohung bei, wo viele Zivilisten sterben. Europa muss sich auch der unbequemen Frage stellen, ob und wo es mehr zerstört als richtet.

Macron verspricht einen "geordneten Rückzug". Aber was heißt das? Im besten Fall bietet die Zäsur eine Chance, sich ganz neu über die Krise zu beugen, um auszuloten, wie man dort Wege aus der Gewalt findet. Die Fixierung auf das Militärische ist ein Irrweg. Gefährlich wäre allerdings, wenn es zum überhasteten Abzug kommt, ohne Plan, was an seine Stelle rückt. Es steht viel auf dem Spiel. Einfach zuzusehen, das kann sich Europa nicht leisten.

© SZ/kia
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