Deutschland:Die Lehren aus 2015

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Es ist natürlich gut gemeint, wenn Deutsche geflüchteten Ukrainern ein Obdach bei sich anbieten. Das Problem aber ist: Menschen, die Flucht und Vertreibung erlebt haben, brauchen noch ganz andere Hilfe.

Kommentar von Constanze von Bullion

Berlin im März 2022, das ist wie eine Rückkehr ins Jahr 2015. Mehr als 13 000 Geflüchtete aus der Ukraine sind allein am Sonntag in der Stadt angekommen. Und die Berliner heißen sie willkommen. Sie schleppen Essen zum Hauptbahnhof oder bieten Geflüchteten ein Obdach in der eigenen Wohnung an, fast wie damals, während des Syrien-Kriegs. Die Hilfsbereitschaft ist enorm, der Wunsch nach innerer Entlastung auch. Denn Deutschland steht zwar unmissverständlich an der Seite der Ukraine, hält sich militärisch aus dem Krieg aber weitgehend raus, mit gutem Grund. Putins Wüten muss also weiter zugesehen werden. Das fällt schwer.

Wer die Bilder von Leid und Verwüstung sieht, dem mag die deutsche Lebenswelt noch privilegierter erscheinen als ohnehin schon. Viele fragen sich jetzt auch verschämt, ob das eigene Haus oder die Wohnung Platz für geflüchtete Ukrainer bieten könnte. Die Bundesregierung allerdings gab sich da am Montag zurückhaltend. Gern Geld spenden, her mit der Knete, war da die Botschaft. Von Sachspenden sei eher abzusehen. Großvaters Hemd Größe XXL bitte im Keller lassen, hieß das mit anderen Worten. Nicht alles, was gut gemeint ist, hilft. Das gilt auch für die private Beherbergung, die mit den Behörden koordiniert werden sollte. Denn auch das ist eine Lehre aus 2015: Das Trauma des Kriegs oder die Trennung von nahen Angehörigen ist eine schwere Last und gehört in professionelle Hände.

Private Hilfe schließt das nicht aus. Aber der Staat darf jetzt nicht engagierten Bürgersleuten überlassen, was er selbst zu leisten hat. Dazu gehört die zügige Entlastung des Landes Berlin durch andere Bundesländer. Dazu gehört aber auch, dass Flüchtlinge nicht nur satt und sicher sein müssen in Deutschland, sondern auch psychosoziale Hilfe brauchen. Insbesondere bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen wurde seelischer Beistand nach 2015 hintangestellt, allen Warnungen zum Trotz. Das darf sich nicht wiederholen.

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