Facebook Files:Der Blackout der Verantwortung

Facebook CEO Zuckerberg and Instagram logo File photo taken in May 2018 shows Facebook Inc. CEO Mark Zuckerberg speakin

Mark Zuckerberg, hier vor dem Instagram-Logo.

(Foto: Kyodo News/imago)

Facebook-Chef Mark Zuckerberg droht ein Alleinherrscher zu werden, der sein Reich nicht mehr im Griff hat. Das ist gefährlich.

Kommentar von Andrian Kreye

Liest man in dem Konvolut aus betriebsinternen Studien, Präsentationen und Chats, das die Whistleblowerin Frances Haugen aus der Firmenzentrale von Facebook mitgenommen hat, dann erschreckt einen vieles. Die Eiseskälte, mit der dieser Konzern Profit über die Sicherheit der Nutzer stellt. Die Unverfrorenheit, mit der die Konzernleitung Studien und Verbesserungsvorschläge aus der eigenen Firma ignoriert. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der er Kinder als Nutzer gewinnt und hält, weil die Wachstumsraten in den Industrieländern ausgereizt sind. So richtig beunruhigend ist allerdings die Erkenntnis, dass dieser Zweckzynismus zwar nicht anders ist als in anderen Weltkonzernen wie Philip Morris, Volkswagen oder Exxon - dass Mark Zuckerberg aber im Unterscheid dazu Alleinherrscher über eine globale Infrastruktur ist, die er längst nicht mehr im Griff hat.

Eine globale Infrastruktur ist nicht einfach eine lustige App

Das liegt vor allem daran, dass seine Firma nach Haugens Erzählungen und dem Eindruck, den die "Facebook Files" vermitteln, unter chronischem Personalmangel leidet. Mark Zuckerberg kennt es nicht anders. Der Anspruch, ständig mit zu wenigen Mitteln das Unmögliche zu schaffen, begleitet ihn, seit er im Studentenwohnheim der Harvard University die ersten Versionen seines sozialen Netzwerkes programmierte. Auch da unterscheidet er sich nicht von anderen Firmenchefs und -chefinnen. Das ist die Sturm-und-Drang-Mentalität der digitalen Branche, die in den vergangenen zwanzig Jahren oft aus dem Nichts historisch viel erreicht hat. Dieses Lebensgefühl gipfelt seit einiger Zeit im Bedürfnis, nach dem Planeten auch den Weltraum zu erobern.

Ein Weltkonzern ist jedoch kein Start-up, und eine globale Infrastruktur ist keine lustige App. Die Verantwortlichkeiten sind bei Facebook größer und komplexer geworden. Die Mischung aus Erfolgseuphorie und Machbarkeitsrausch, mit der die Gründergeneration der digitalen Welt oft erstaunlich rasch zur ersten Milliarde kommt, zeigt da eine ähnliche Wirkung wie vier Gin Tonic mit einer Prise Koks am Steuer eines Sportwagens in der nächtlichen Innenstadt. Schon geil, wie schnell das alles geht. Aber wehe, das gerät ins Schleudern.

Schuld am Ausfall war ein Update. Ein solches braucht auch der ganze Facebook-Konzern

Als am Montag, kurz nachdem Haugen in Interviews mit der Nachrichtensendung "60 Minutes", Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR an die Öffentlichkeit gegangen war, das komplette System des Konzerns zusammenbrach, schien es fast, als wollte das Schicksal der Welt beweisen, dass diese Erkenntnis stimmt. Das soziale Netzwerk Facebook, die Bilderplattform Instagram, das Chatsystem Whatsapp und die Nachrichten-App Messenger waren weltweit für bis zu sieben Stunden nicht mehr erreichbar. Ein Update in den technischen Eingeweiden des Konzerns war wohl schiefgegangen.

Nun wird Frances Haugen den US-Kongress und die Börsenaufsicht SEC dabei beraten, welche Lösungen es geben könnte, den Konzern zu reformieren. Denn im Kern stellt er ja durchaus eine globale Infrastruktur, die dem Wohl der Allgemeinheit dienen könnte. Sie warnt auch davor, Facebook zu zerschlagen. Das würde viele, die auf die Dienste angewiesen sind, Marktkräften ausliefern, die die Probleme wie das Ungleichgewicht zwischen Nutzern in den USA und dem Rest der Welt noch verstärken könnten. Wenn es eine Lehre aus den jüngsten Enthüllungen gibt, dann die: Die Welt sollte sich weniger vor einem Facebook-Konzern fürchten, der zu stark ist, als vor einem, der schwach geworden ist.

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