Für einen stabilen Geldwert sorgen zu können, diese Kernkompetenz schreibt man den Deutschen beim Rückblick auf die Bundesbank und die harte D-Mark bis zum heutigen Tag zu. Da wirkt es verwunderlich, dass seit ihrer Gründung 1998 bislang weder eine Deutsche noch ein Deutscher die Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) übernehmen durfte. Das sollte sich jetzt ändern. In knapp zwei Jahren endet die Amtszeit von Christine Lagarde an der EZB-Spitze, und bereits jetzt haben sich zwei Deutsche für die Nachfolge ins Gespräch gebracht: Bundesbankpräsident Joachim Nagel und EZB-Direktorin Isabel Schnabel. Beide, das kann man sicherlich sagen, wären fachlich für diese Aufgabe geeignet. Nach der Juristin Lagarde kämen wieder Ökonomen ans Ruder. Die Kampfkandidatur von Nagel und Schnabel um die Gunst der Bundesregierung, die einen der beiden Kandidaten in Brüssel durchsetzen müsste, ist erfrischend. Wettbewerb mit offenem Visier ist richtig in Zeiten, da Menschen häufig meinen, wichtige politische Entscheidungen würden in Hinterzimmern getroffen.
Die Frage ist nun: Wie wichtig ist es Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) politisch, dass die EZB-Spitze künftig deutsch geführt wird, und welchen Preis ist er bereit, dafür im Europäischen Rat zu bezahlen? Die EU-Kommissionspräsidentschaft Ursula von der Leyens läuft noch bis 2029, fast genauso lang wird auch Claudia Buch an der Spitze der EZB-Bankenaufsicht stehen. Mit der EZB-Präsidentschaft wären von 2027 bis 2029 drei EU-Spitzenposten in deutscher Hand, dafür müsste Merz einiges andere opfern.
Wie viel ist Bundeskanzler Merz der EZB-Posten wert?
Aber grundsätzlich ist Berlin jetzt dran, nachdem frühere Bundesregierungen zu wenig für den Spitzenposten gekämpft haben. Diese Zurückhaltung war anfangs taktisch motiviert. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) konnte durch den anfänglichen Verzicht sicherstellen, dass die EZB in Frankfurt ihren Sitz bekam und die Institution darüber hinaus nach dem Vorbild der Bundesbank konzipiert wurde. Aber auch die späteren Bundesbankpräsidenten Axel Weber und Jens Weidmann erhielten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine Rückendeckung. Den Spitzenposten bekamen andere Euro-Staaten: Frankreich mit Jean-Claude Trichet und Christine Lagarde zweimal, Italien mit Mario Draghi und die Niederlande mit Wim Duisenberg je einmal.
Kann es ein Deutscher qua Nationalität besser als andere Kandidaten? Nein, sicher nicht. Aber die weltpolitische Lage wäre eine passende Gelegenheit, „Geist und Mythos“ der Bundesbank ins Spitzenamt der EZB zu hieven. Der Kampf gegen Inflation ist schwieriger geworden, plötzliche Angebotsverknappung kann gefährliche Preisspiralen auslösen. Es ist eine andere Welt als zu Bundesbankzeiten, aber das Signal wäre deutlich: Der jüngste Inflationsschock, der einkommensschwache Haushalte bis heute stark belastet, wird sich nicht wiederholen. Dafür bürgen würden künftig in der EZB eingedenk des Heiligenscheins der Bundesbank: ein Präsident oder eine Präsidentin aus Deutschland.

