Erneuerbare Energie:Das Fällen von Bäumen ist kein Klimaschutz

Lesezeit: 2 min

Erneuerbare Energie: Wer sich an Europas letzten großen Wäldern vergreift, wie etwa an jenem im rumänischen Cheile-Bicazului-Hășmaș-Nationalpark, vergeht sich am Klimaschutz.

Wer sich an Europas letzten großen Wäldern vergreift, wie etwa an jenem im rumänischen Cheile-Bicazului-Hășmaș-Nationalpark, vergeht sich am Klimaschutz.

(Foto: Wild Wonders of Europe / Dörr, via www.imago-images.de/imago images/Nature Picture Libr)

Wer Holz nur deshalb erntet, um Energie zu gewinnen, schadet dem Klima. Das EU-Parlament hat es in der Hand, diesen geförderten Missstand abzustellen - und sollte es auch tun.

Kommentar von Marlene Weiß

Was hat so mancher Klimaschaden mit der Hölle gemeinsam? Der Weg zu beiden ist mit guten Absichten gepflastert. Das Verbrennen von Holz im großen Stil, um vermeintlich klimaneutralen Strom, Wärme oder beides zu gewinnen, ist ein Beispiel dafür. In dieser Woche hat das Europäische Parlament Gelegenheit, einen schweren Fehler zu korrigieren. Es entscheidet über eine Reform der Erneuerbare-Energien-Richtlinie, in der es unter anderem um die Nutzung von Biomasse geht.

Man sollte das nicht als Nebenschauplatz abtun: Fast 60 Prozent der in der EU genutzten, formal erneuerbaren Energie stammt aus Biomasse. Sie trägt zwar nur wenig zur Stromproduktion und - über Biotreibstoffe - zur Mobilität bei, aber umso mehr zur Wärmegewinnung, sei es in Kaminöfen, Pelletheizungen oder Holzkraftwerken. Der Großteil dieser Biomasse ist schlicht Holz. Und etwa die Hälfte davon kommt ziemlich direkt aus dem Wald, ist also kein reines Abfallprodukt.

Seit Langem warnen viele Wissenschaftler, dass Bäume zu fällen, um Energie zu gewinnen, dem Klima schadet, nicht hilft. Das Parlament kann nun dem Vorschlag der EU-Kommission folgen, die es bei kleineren Korrekturen Richtung Nachhaltigkeit belassen möchte. Oder es hält sich an seinen Umweltausschuss, der eine mutigere Lösung vorschlägt: "primäre" Holzbiomasse, also solche, für die Bäume gefällt wurden, soll nicht mehr als erneuerbar gelten. Damit würde sie nicht zu den Erneuerbaren-Zielen zählen und dürfte auch nicht mehr entsprechend gefördert werden. Ausgenommen wäre nur Holz, das etwa zur Brandprävention oder zur Schädlingsbekämpfung aus dem Wald geholt wird.

Die mutige wäre die bessere Entscheidung

Wie auch immer der Kompromiss aussieht, den der zähe EU-Gesetzgebungsprozess am Ende übrig lässt - die mutige wäre die bessere Entscheidung. Denn es stimmt zwar: Nur das CO₂, das ein Baum beim Wachsen aus der Luft sammelt, stößt er beim Verbrennen aus, und der nachwachsende Baum holt es wieder zurück, dieser Kreislauf funktioniert, seit es Bäume gibt. Problematisch wird es aber, wenn mitten in der Klimakrise in kurzer Zeit sehr viele Bäume verbrannt werden.

Diese Klimaschuld kann erst nach vielen Jahrzehnten zurückgezahlt werden, Bäume wachsen langsam. Während dieser Zeit aber entfaltet das CO₂ in der Atmosphäre seine Wirkung, ganz so, als hätte man einfach Kohle verbrannt. Sogar noch schlimmer, denn Holz brennt eher ineffizient, für die gleiche Energiemenge stößt es mehr CO₂ aus. Bis der neue Baum das zurückgeholt hat, kann schon manches Klimaziel verfehlt sein. Und wenn die Welt eins nicht hat, dann ist das Zeit.

Hinzu kommt, dass die Rechnung "alter Baum raus - neuer Baum rein" die Dynamik im Wald missachtet. Denn wäre der Baum stehen geblieben, hätte der geschonte Wald vielleicht mehr Treibhausgase gebunden; das kann die Bilanz auch langfristig negativ ausfallen lassen. Ganz grauenvoll wird es, wenn aus Gier nach Holz Europas letzte Urwälder geplündert werden, um Pellets zu produzieren, wie es die New York Times kürzlich dokumentiert hat.

Noch lagern die Wälder jährlich CO₂ ein. Aber ob das künftig so bleibt, ist fraglich. Klimabedingte Schäden nehmen zu, man sollte froh um jeden Baum sein, der lebendig im Wald steht. Holz bleibt ein fantastisches Material für den Klimaschutz, wenn man es sinnvoll nutzt. Für langlebige Möbel oder Holzhäuser etwa, die das CO₂ über Jahrzehnte speichern. Nach einer langen Nutzungskaskade kann man es auch verbrennen. Aber bitte nicht sofort.

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