Türkei:Der Neue betet schon

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Erdoğan feuert seinen Finanzminister, weil der nicht so unvernünftig sein will, wie er befiehlt.

Von Tomas Avenarius

Sollte es im derzeitigen türkischen Kabinett tatsächlich so etwas wie Traumjobs geben: Der Posten des Finanzministers zählt kaum dazu. Amtsinhaber Lütfi Elvan ist gerade auf unschöne Art gegangen worden; er hatte den Fehler gemacht, Zweifel an der Geldpolitik des Staatspräsidenten anzumelden. Das geht in der heutigen Türkei gar nicht: Wer Präsident Recep Tayyip Erdoğan öffentlich in Frage stellt, bekommt Ärger, ob geachtetes Kabinettsmitglied oder einfacher Bürger.

Der Minister hatte aus seinem Denken keinen Hehl gemacht und Erdoğans Hoffnungsprojekt kritisiert: die Niedrigzinspolitik. Wirtschaftswachstum um jeden Preis, das ist es, was der Präsident will. Dafür zwang er den Zentralbankchef - noch so ein türkischer Traumjob -, die Leitzinsen entgegen dem Rat der Notenbanker und des Finanzministers weiter zu senken.

Den Verfall der Lira redet der Präsident klein; er verspricht den Bürgern, dass die immer weiter steigende Inflation bald eingehegt werde. Denn Erdoğans eigenwilliges Credo lautet: Hohe Leitzinsen verursachen Inflation - also schaden hohe Zinsen dem Volk. Das widerspricht allem, was Ökonomen über den Zusammenhang von Inflation und Zinsen sagen: Nach gängiger Lehre wird die Teuerung durch Zinserhöhungen gebremst und durch Zinssenkungen beschleunigt. Noch weniger aus dem Lehrbuch ist Erdoğans Schlussfolgerung: Hinter der maroden Wirtschaftslage stünden ausländische Mächte, die die Türkei via Zinspolitik gängeln wollten. Er aber sei ein Feind der Zinsen, führe einen ökonomischen Befreiungskrieg, wahre die türkische Unabhängigkeit.

Einen Nachfolger im Finanzministerium gibt es schon. Der neue Minister Nureddin Nebati setzt offenbar weniger auf ökonomische Grundsätze als auf die Kraft des Glaubens: "Großer Gott, gib mir die Fähigkeit, die Pflichten des Finanzministers zu erfüllen, die unser Präsident mir anvertraut hat. Möge ich sein Vertrauen nicht enttäuschen."

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