MeinungGroßdemonstration in IstanbulDie Türkei wird nach dieser Machtprobe ein anderes Land sein

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Kommentar von Gökalp Babayiğit

Lesezeit: 2 Min.

Ein Herz als Zeichen der Solidarität mit dem inhaftierten Bürgermeister Ekrem İmamoğlu: Demonstrierende beim Massenprotest in Istanbul am 29. März 2025.
Ein Herz als Zeichen der Solidarität mit dem inhaftierten Bürgermeister Ekrem İmamoğlu: Demonstrierende beim Massenprotest in Istanbul am 29. März 2025. Dylan Martinez/REUTERS

Der Autokrat Recep Tayyip Erdoğan hat schon viele Schlachten geschlagen – und sich stets behauptet. Doch es gibt einen Grund, warum er die neuen Massenproteste von Millionen Landsleuten wirklich fürchten muss.

Taksim ist überall, Widerstand ist überall! Nach bald zwölf Jahren ist der Schlachtruf der Gezi-Demonstranten zurück auf den Straßen Istanbuls – und wenn es nach der Opposition geht, sollte Präsident Recep Tayyip Erdoğan ihn dieses Mal wirklich fürchten. Die Parallelen zwischen den heutigen Protesten in der Türkei zu den bislang größten – und brutal niedergeschlagenen – Anti-Erdoğan-Demonstrationen 2013 werden nicht nur durch die wiederauflebenden Sprechchöre deutlich. Auch sind es wieder die Jungen, die in vorderster Reihe das Tränengas einatmen. Doch nicht die Ähnlichkeiten zu 2013 dürften den immer autokratischer agierenden Präsidenten beunruhigen. Es sind die Unterschiede, die ihm wirklich Sorgen bereiten müssen. Viele Schlachten hat Erdoğan schon geschlagen. Könnte diese seine letzte sein?

Anders als früher hat der Widerstand jetzt eine Leitfigur

Die Gezi-Demonstranten, das waren in den Augen Erdoğans idealistische Irre und Marodeure, gegen die er schnell nicht nur seine Gefolgschaft, sondern auch nationalistische Kräfte mobilisieren konnte. Zwölf Jahre später wird ihm das nicht so leicht gelingen: Unter den zahlreichen Demonstranten finden sich nicht nur progressive Studenten, sondern auch Kemalisten der CHP und vereinzelt sogar rechte junge Männer, die den Wolfsgruß zeigen. Erdoğans Allheilmittel, der Terrorvorwurf, verfängt ebenfalls nicht so leicht wie früher – ist es doch Erdoğans eigene Regierung, die derzeit mit dem Oberterroristen Öcalan von der kurdischen PKK Friedensverhandlungen führt. Auch ist die CHP bis jetzt schlau genug, um nicht offen den Schulterschluss mit kurdischen Parteien zu suchen.

Zum anderen fehlte der Gezi-Bewegung die eine politische Leitfigur, an welche die Regierungsgegner ihre Ziele knüpfen konnten. Ganz anders 2025: Ekrem İmamoğlu hat bereits zweimal die Wahl gegen einen von Erdoğan ausgesuchten AKP-Kandidaten gewonnen – ausgerechnet in Istanbul, Erdoğans Heimat, der politisch und wirtschaftlich wichtigsten Stadt der Türkei. Die Massendemonstrationen in Maltepe im asiatischen Teil Istanbuls am Wochenende haben gezeigt, dass auch die CHP verstanden hat: Es geht den Demonstranten längst nicht mehr „nur“ um die Freilassung İmamoğlus. Es geht ihnen um die Zukunft der Demokratie und um das Ende der AKP-Regierung Erdoğans.

Jetzt bietet sich endlich das breite Forum, in dem die Bevölkerung ihren Frust ausleben kann

Nach anfänglichem Zögern hat die Partei Atatürks nun dieses Ziel zu ihrem gemacht und verwendet ihre gesamten politischen Ressourcen darauf. Vor Hunderttausenden brandmarkt CHP-Chef Özgür Özel von der Bühne herab die staatsnahen Medien, die nicht aus Maltepe berichten, er ruft zum Boykott jener Unternehmen auf, die als besonders regierungstreu gelten. Denn auch Özel weiß, dass dieser dritte und womöglich wichtigste Unterschied zu 2013 letztlich über den Erfolg der Protestbewegung entscheiden wird: die wirtschaftliche Lage des Landes.

Während diese damals noch verhältnismäßig stabil war, leidet die Türkei heute an einer sich seit Jahren verschlechternden und vor allem für die Jungen aussichtslos scheinenden Situation. Die hohe Inflation und die Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt hatten die Popularitätswerte Erdoğans ohnehin schon auf Rekordtiefstwerte gedrückt. Jetzt bietet sich endlich das breite Forum, in dem die Bevölkerung ihren Frust ausleben kann.

Türkei
:Erdoğan hat seinen Konkurrenten einsperren lassen. Und nicht mit diesem Mann gerechnet

Özgür Özel galt als dröger Technokrat. Doch nun, nach der Festnahme des populären Ekrem İmamoğlu, hat der CHP-Chef dank der Massenproteste seine Rolle gefunden.  Und könnte selbst bei der Präsidentenwahl antreten.

SZ PlusVon Raphael Geiger

Erdoğans letzte Schlacht? Der Präsident wird nicht kampflos seinen Palast räumen. Das Justizwesen und die Medien sind in seiner Hand, ebenso die stark aufgerüstete Polizei. Bisher kam er aus allen inneren Konflikten gestärkt hervor. Diesmal würde er alle Ressourcen seines Machtapparats benötigen. Abstieg in die Autokratie oder Wiederbelebung der Demokratie: Die Türkei wird nach dieser Machtprobe eine andere sein – auf die eine oder andere Weise.

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