Ägypten:Der Scheich, der sich für die Frauen starkmacht

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Scheich Ahmed al-Tayyeb will vermehrt aus dem "reichen islamischen Erbe" schöpfen. (Foto: AFP)

Ahmed al-Tayyeb, die wichtigste Autorität des sunnitischen Islam, will eine Fatwa aus dem 7. Jahrhundert wiederbeleben: damit arbeitende Frauen bessergestellt werden.

Von Dunja Ramadan

Der Scheich der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo wählte seine Worte mit Bedacht. Ahmed Mohamed al-Tayyeb vermied den Reizbegriff Modernisierung - reine Provokation, wenn es um die Religion geht. Deshalb sprach der 76 Jahre alte Gelehrte, immerhin die wichtigste religiöse Autorität des sunnitischen Islam, von der "Wiederbelebung" eines Rechtsgutachtens aus dem 7. Jahrhundert mit dem Namen "Die Mühe und das Streben der Frauen".

Damals war es zu einem Erbstreit gekommen, in dem sich eine arbeitende Frau nach dem Tod ihres Mannes im Nachteil sah. Nach koranischem Verständnis kommt Frauen mit Kindern ein Achtel, ohne Kinder ein Viertel des Erbes ihres Mannes zu. Doch diese Frau erhielt letztlich drei Viertel des Vermögens. Eine kleine Revolution, an die al-Tayyeb nun anknüpfen möchte. Denn was damals die Ausnahme war, ist heute eher die Norm: die arbeitende Ehefrau.

Das Rechtsgutachten geht auf den zweiten Kalifen nach dem Propheten zurück

Der Großscheich von Kairo verweist auf Omar ibn al-Khattab, den zweiten Kalifen nach dem Propheten Mohammed, der dieses Rechtsgutachten, die Fatwa, erstmals aussprach und der bis heute für sein Gerechtigkeitsempfinden hochgeschätzt wird. Sein Spitzname war al-Faruq: Der die Wahrheit von der Lüge unterscheidet.

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Der Auslöser der Geschichte war eine Frau namens Habiba bint Zuriq, die sich nach dem Tod ihres Mannes Amer bin Al-Harith ungerecht behandelt gefühlt hatte. Die beiden hatten keine Kinder, dafür aber ein gemeinsames Business: Sie schneiderte Kleidung, ihr Mann verkaufte diese. Nach dem Tod hatte es ihre Schwiegerfamilie auf das Erbe abgesehen - worauf Habiba bint Zuriq protestierte und sich bei dem Kalifen beschwerte. Er hörte ihr zu und befand, dass sie recht hatte. Also sprach er ihr die Hälfte des Vermögens ihres Mannes zu sowie ein Viertel der anderen Hälfte, wie bis dahin auch.

Heute findet diese Fatwa kaum noch Anwendung in der islamischen Welt. Der ägyptische Journalist Mahmoud Saad ahnt, warum. Weil Männer seit jeher die Macht über die Auslegung hätten, sei dieser Präzedenzfall in der Versenkung verschwunden, sagt er in einem viel gesehenen Video zum Thema. Scheich Ahmed al-Tayyeb, der seit 2010 im Amt ist und an der Sorbonne in Paris in islamischer Philosophie promovierte, nannte es eine aktuelle Notwendigkeit, aus dem "reichen islamischen Erbe" zu schöpfen, "um die Rechte der arbeitenden Frauen zu sichern".

Männer handelten oft aus "einem mangelnden Verständnis des Koran"

Diese nähmen Anstrengungen auf sich, um das Vermögen ihres Mannes zu vermehren. "Angesichts der modernen Entwicklungen, die Frauen zum Eintritt in den Arbeitsmarkt verpflichten, teilen sie auch die Lasten des Lebens mit ihren Ehemännern", sagt Ahmed al-Tayyeb, der selbst Familienvater ist. Im traditionellen Islamverständnis ist der Mann dafür zuständig, die Familie zu versorgen. Aber die Realität in vielen islamisch geprägten Ländern ist wirtschaftliche Not und hohe Arbeitslosigkeit.

Al-Tayyeb, dessen eigene Ehefrau in seiner Heimatstadt Luxor fern des Kairoer Trubels wohnt, formuliert auch hier etwas vorsichtiger. "Das Eheleben ist nicht auf Rechten und Pflichten aufgebaut, sondern auf Zuneigung, Liebe und Situationen, in denen der Mann seine Frau unterstützt und die Frau eine Stütze für ihren Mann ist, um eine gute Familie aufzubauen." Diesen Vorstoß formulierte der Scheich während eines Treffens mit dem saudischen Minister für Islamische Angelegenheiten, Scheich Abdullatif Al-Sheikh, zum Thema Frauenrechte im Islam vergangene Woche in Kairo. Er warb für eine schnelle Anpassung der Gesetzgebung. An dem Vorstoß gab es nur vereinzelt Kritik, dafür dankten ihm vor allem Frauenrechtlerinnen wie der National Council for Women in Kairo.

In der Vergangenheit erntete al-Tayyeb, der 2017 auf dem Kirchentag in Berlin den Terror als "gemeinsamen Feind" bezeichnete, bereits einige Male Lob von ihnen. Etwa als er sich 2019 kritisch zur Polygamie äußerte. So handelten die Männer häufig aus "einem mangelndem Verständnis des Koran" heraus, was zu einer "Ungerechtigkeit für Frauen und Kinder" führen könne. Auch damals begründete er seine Kritik mit: "Fairness".

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