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Digitalkonzerne:Korrumpiert von der Aufmerksamkeitsökonomie

"Regulier mich", fordert dieser Demonstrant, der eine Maske mit dem Gesicht von Facebook-Chef Mark Zuckerberg trägt. Die EU möchte Facebook und Co. nun zumindest ein bisschen regulieren.

(Foto: AP)

Facebook, Amazon und Co. sind weit mehr als einfache Unternehmen - und wachsen sich selbst über den Kopf. Regeln für ihren Plattform-Kapitalismus müssen erst noch erfunden werden. Immerhin das hat die EU mittlerweile erkannt.

Kommentar von Jannis Brühl

Um das Internet zu verstehen, hilft oft ein Blick in das Reich der Pornografie. Die war schon immer eine Art Labor für das Mainstream-Netz, und am Dienstag geschah auf der Webseite Pornhub Bemerkenswertes. Per Knopfdruck löschte das Portal pauschal den Großteil der Millionen Pornovideos, die Nutzer dort anonym hochgeladen hatten. Auslöser war der öffentliche Druck nach einem Aufschrei über Videos, die Missbrauch zeigen sollen. Eine Online-Plattform war zu einem seltenen Eingeständnis gezwungen: Wir haben die Kontrolle verloren, unsere eigene Größe ist uns über den Kopf gewachsen.

Auf Seiten der deutlich größeren und - vermeintlich - saubereren Online-Plattformen steht die Erkenntnis, dass ihr Geschäftsmodell Probleme birgt, noch aus. Dabei funktionieren Facebook, Amazon und Google nach demselben Prinzip wie Pornhub. Jeder kann dort Produkte verkaufen oder Texte veröffentlichen, kommentieren und bewerten. Die Konzerne verdienen ihr Geld damit, Inhalte von Milliarden Menschen und Firmen zu verbreiten und um diese Inhalte herum Werbung wiederum anderer Firmen zu schalten. Am Ende gewinnt immer die Plattform. Uber wurde zum größten Taxi-Unternehmen, ohne ein Auto zu besitzen; Facebook zur größten Informationsbörse, ohne dass in seinen Büros irgendjemand einen Text schrieb.

Plattformen sind mehr als einfache Unternehmen, aber sie sind auch keine Staaten. Sie sind eine neue Kategorie, für die Regeln erfunden werden müssen. Das versuchen Kommission und Parlament der EU nun mit einem Doppelschlag: den Vorschlägen für ein Gesetz über digitale Dienste und ein Gesetz über digitale Märkte.

Schließlich geht es um die reichsten Konzerne der Welt

Das erste soll den Plattformen Regeln geben, wie sie mit Verleumdungen, Fake-Medikamenten und verdeckten politischen Kampagnen umgehen sollen, die Menschen auf ihnen verbreiten. Die Unternehmen sollen sich nicht mehr rausreden und Bürger sich besser wehren können, wenn sie von übereifrigen Plattformen blockiert werden. Zudem sollen die Portale ihnen erklären, warum ihnen dieser Inhalt, jene Anzeige vorgesetzt wird.

Denn was eine demokratische Idee sein könnte - ein Forum oder ein Basar - ist korrumpiert durch die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. Plattformen sammeln Daten über jeden Klick - um dann möglichst passgenau Werbung zu schalten. EU-Transparenzregeln können im Kampf gegen das Überwachungssystem der digitalen Werbeindustrie aber nur der erste Schritt sein.

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Der zweite Schlag, das Gesetz über digitale Märkte, erkennt an, dass Plattformen ab einer bestimmten Größe Konkurrenten zerquetschen können - etwa indem sie deren Produkte weniger sichtbar machen. Eine bessere Marktaufsicht soll unfaire Tricks früh erkennen. Das kann das klassische Wettbewerbsrecht ergänzen, das an der Plattform-Ökonomie scheitert. Die EU stellt zudem klare Definitionen auf, ab wann eine Plattform sich wegen ihrer Macht besonderen Regeln unterwerfen muss. Gut ist, dass die EU auf eine generelle Pflicht, jeden Inhalt einzeln zu prüfen, verzichten will. So entschärft sie die Zensurdebatte, wie sie um die Urheberrechtslinie tobte.

Die EU nimmt die IT-Konzerne mit den zwei Vorschlägen in die Zange. Endlich erkennt sie an, welche Herausforderungen große Plattformen für die Demokratie darstellen. Das gilt zumindest, wenn die guten Ideen nicht noch in einer Lobbyschlacht verenden. Schließlich geht es um die reichsten Konzerne der Welt.

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