Unglück in den Dolomiten:Die Unbefangenheit ist dahin

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Unglück in den Dolomiten: Als wäre ein riesiges Stück Eis herausgebissen worden - so sieht die Stelle am Marmolata-Gletscher nach dem Eisbruch aus.

Als wäre ein riesiges Stück Eis herausgebissen worden - so sieht die Stelle am Marmolata-Gletscher nach dem Eisbruch aus.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Auch mit bester Überwachung werden sich Katastrophen wie am Marmolata-Gletscher nicht immer verhindern lassen. Wir müssen den Umgang mit Naturgefahren in Zeiten des Klimawandels neu justieren.

Kommentar von Benjamin von Brackel

Noch suchen Rettungskräfte nach weiteren Opfern des Gletscher- und Lawinenunglücks in den Dolomiten, da beginnt schon die Fahndung nach den Schuldigen. Hätte die Tragödie am Marmolata-Gletscher mit mindestens sieben Toten verhindert werden können? Haben die italienischen Behörden versagt? Oder hätten es die verunglückten Bergsteiger besser wissen müssen? Schließlich begebe man sich um diese Jahreszeit nicht unter einen Sérac - einen Eisturm an der Abbruchkante, wie Extrembergsteiger Reinhold Messner erklärte.

Sicher, es gab Anzeichen für den Gletschersturz. Etwa die 200 Meter lange und 60 Meter tiefe Spalte. Nur: Nicht auf jede Spaltenöffnung folgt auch ein Abbruch von Eismassen. Hätte man wirklich den Touristenmagnet sperren sollen? Bislang war der Marmolata-Gletscher nicht bekannt für größere Abbrüche. Wie viele andere Berge müssten in den Alpen dann noch für Touristen gesperrt werden? Und für wie lange? Nur im Sommer oder wird es künftig auch im Winter immer gefährlicher?

Hilfreich wäre natürlich eine technische Überwachung der Gletscherbewegungen gewesen, wie es die Schweiz an vielen Orten praktiziert. Glaziologen haben dort ein Inventar an besonders gefährlichen Gletschern erstellt, die mithilfe von Radar und Kamera beobachtet werden. In Italien passiert das bislang nur vereinzelt wie im Val Ferret auf dem Planpincieux-Gletscher am italienischen Abhang des Mont Blanc. Um das rutschende Eis zu überwachen, wurde dort im Jahr 2019 ein Radar installiert.

Aber selbst die reiche Schweiz kann oder will sich keine flächendeckende Überwachung leisten, zumal mit dem Klimawandel auch scheinbar harmlose Gletscher abbrechen und Menschen töten können - wie im Mai in den westlichen Walliser Alpen geschehen. Damals hatten sich am Grand Combin mehrere Eisbrocken am Gletscher gelöst. Zwei Menschen kamen ums Leben, neun wurden verletzt.

Das Unglück zeigt, wie unkalkulierbar die Situation geworden ist

Die Menschen müssen deshalb lernen, mit Naturgefahren in Zeiten des Klimawandels umzugehen. Jeder, der in die Alpen zum Bergsteigen geht, muss seit jeher Wetter und Terrain im Blick behalten und weiß, dass er mit einer Tour immer auch ein Risiko eingeht. Allein schon dadurch, dass Steige oft an Abgründen entlangführen oder weil Gestein, an dem man sich festhält, ausbrechen kann, oder eben durch heraufziehende Unwetter. Mit dem Rückzug der Gletscher aber häufen sich Gletscherabbrüche und Felsstürze und sie werden noch viel schwieriger vorherzusagen, weshalb noch mehr Vorsicht als bislang üblich nötig ist. Das tragische Unglück an einem prächtigen Sommertag zeigt deutlich, wie unkalkulierbar die Situation geworden ist. Das gilt auch fürs Wetter: Aus Regen wird eine Flutkatastrophe, aus sonnigen Tagen eine Hitzewelle, an der Menschen sterben. Die Unbefangenheit ist dahin.

Die Menschen werden sich mehr und mehr mit dem Wetterbericht auseinandersetzen müssen. Und lernen müssen, dass die Natur nicht nur ein Erholungsfaktor im Dienste der Menschen ist. Für Wanderer in Gletschergebieten heißt das auch: nur mit erfahrenen Bergführern aufbrechen, und wenn schon zu dieser Jahreszeit, dann am besten nur am Vormittag, wenn es noch kühler ist.

Was die Tragödie an der Marmolata für den Tourismus in den Alpen zur Folge hat, lässt sich noch gar nicht absehen. Wenn sie denn zumindest einen Nutzen haben sollte, dann den, dass sie Ehrfurcht vor der Natur lehrt.

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