Inflation:Kein Grund zur Panik

Steigende Verbraucherpreise alarmieren die Deutschen. Doch so schlimm, wie viele meinen, dürfte es nicht kommen - zumal ein schnöder Recheneffekt in diesem Monat eine besondere Rolle spielt.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Die Zahl ist ein Schock: Die Verbraucherpreise lagen im Juli fast vier Prozent höher als ein Jahr zuvor, melden Statistiker. Die Deutschen müssen also weit mehr für Waren und Dienstleistungen bezahlen, nachdem sie schon durch eine Wirtschaftskrise verunsichert wurden. Da kommen alte Ängste hoch, eine dauerhaft hohe Inflation wie früher könnte Löhne auffressen und Ersparnisse entwerten. So schlimm aber dürfte es nicht kommen.

Die erste Erklärung für die Schockzahl liefert ein Recheneffekt. Am 1. Juli vor einem Jahr senkte die Regierung die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent, um in der Corona-Krise den Konsum anzukurbeln. Dies lief Ende 2020 aus. Der Juli 2021 war nun der erste Monat, in dem die Preise mit normaler Mehrwertsteuer mit den steuervergünstigten Preisen von 2020 verglichen wurden - auch deshalb fällt die Zahl so hoch aus.

Es stimmt, dass die Inflation derzeit ohnehin höher liegt als in vergangenen Jahren. Das ist aber nach einer weltweiten Rezession, wie sie die Corona-Krise auslöste, durchaus normal. Die Industrie produziert wieder voll, manche Teile werden knapp. Hersteller wie Restaurants nutzen es aus, dass die Bürger Konsum nachholen. Es spricht viel dafür, dass sich die Preisentwicklung im kommenden Jahr wieder normalisiert - und sich die Bürger dann keine großen Sorgen mehr machen müssen.

Alle Beteiligten haben aus den Fehlern der Siebzigerjahre gelernt

Denn die Inflation lag in den vergangenen Jahrzehnten deutlich niedriger als davor. Dafür gibt es Gründe, die auch in Zukunft gelten. So konkurrieren Unternehmen durch die Globalisierung seit den Neunzigerjahren weltweit miteinander. Das erschwert es ihnen, einfach die Preise zu erhöhen wie früher, als sie vielleicht nur ein, zwei nationale Konkurrenten beachten mussten.

Durch die Globalisierung konkurrieren auch Arbeitnehmer stärker miteinander, ob sie es wollen oder nicht. Deutsche Gewerkschaften können nicht mehr so starke Lohnsteigerungen durchsetzen, weil das Unternehmen seine Produktion sonst vielleicht nach Osteuropa oder Asien verlagert. Auch das begrenzt Kosten - und damit Preissteigerungen.

Zudem haben die Beteiligten aus den Fehlern der Siebzigerjahre gelernt. Damals setzten Gewerkschafter mit Hinweis auf Preissteigerungen ebenso hohe oder noch höhere Lohnsteigerungen durch, was eine Inflationsspirale förderte - höhere Kosten, höhere Preise, wieder höhere Löhne und so weiter. In Italien gab es bis in die Neunzigerjahre sogar eine automatische Lohnanpassung an die Inflation, die scala mobile, zu Deutsch Rolltreppe - es war eine Treppe abwärts, zur dauerhaften Schwäche der Währung. Seit Politik und Tarifpartner besser auf die Wirkungen der Lohnabschlüsse achten, scheint dieser Inflationstreiber gebannt.

Die EZB muss nach Corona ihre lockere Geldpolitik beenden

Aber was ist mit der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank? Mancher Kritiker gerade in Deutschland verdammt die Niedrigzinsen und Anleihenkäufe der EZB schon lange als Übel, das automatisch hohe Inflation auslöse. Doch zum einen hatten die Notenbanker Gründe für ihr Tun. Sie stabilisierten damit den Euro, als Regierungen wie die deutsche nicht bereit waren, nach der Finanzkrise 2008 schlingernden Staaten wie Griechenland und Italien durch Ausgabenprogramme zu helfen. Damit rettete die EZB den Euro, von dem das exportstarke Deutschland besonders profitiert.

Zum Zweiten läuft die lockere EZB-Politik nun schon zehn Jahre - ohne dass es dadurch zu hoher Inflation kam. Die Kritiker lagen also falsch. Es gibt keinen Grund, der EZB zu misstrauen. Allerdings steht sie in den kommenden Jahren durchaus vor der Aufgabe, ihre Geldpolitik wieder zu normalisieren. Sehr niedrige Zinsen wie in den vergangenen Jahren bergen die Gefahr, dass Preisblasen bei Aktien und Immobilien entstehen - wie vor der Finanzkrise 2008. Sobald Europa wirklich aus der Corona-Krise gekommen ist, sollte die EZB die Zinsen langsam wieder anheben, ohne Staaten mit hohen Schulden zu überfordern. Das ist die echte Herausforderung der kommenden Jahre - und nicht ein kleines Inflationshoch am Ende der Corona-Krise.

© SZ/kia
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