Berlin und Jerusalem:Israels Vorschuss

Lesezeit: 1 min

Präsident Isaac Herzog hält im Bundestag eine beschämende Lobrede auf Deutschland.

Kommentar von Daniel Brössler

Zum Ende seiner Rede im Bundestag hat der israelische Präsident Isaac Herzog gesagt, sein Land sei stolz auf die Partnerschaft mit Deutschland. Das ist ein bemerkenswerter Satz. Es ist ein Satz, den sein Vater Chaim Herzog nicht hätte sagen können, der 1987 als erster israelischer Präsident die Bundesrepublik besuchte. Chaim Herzog sprach damals davon, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nach der Schoah nie würden normal sein können, und er beschrieb dies als unsichtbare Mauer. Die fast schon beschämende Lobrede seines Sohnes auf die deutsche Demokratie zeugt davon, wie eng und teils freundschaftlich die Beziehungen seitdem trotzdem geworden sind. Aber eben nicht normal, da hatte Chaim Herzog recht.

Ein Wunsch nach "Normalität" wäre auch verkehrt. Denn für normal halten es Aktivisten heute, ausgerechnet israelische Künstler mit Boykottaufrufen zu ächten. Unter dem Deckmantel der Hinwendung zum "globalen Süden" und der Empathie für jedwede Opfer des Kolonialismus ist die Documenta zu einem Schaufenster des ganz normalen Antisemitismus geworden. Von Normalität träumen rechtsradikale AfD-Politiker, wenn sie der deutschen Bevölkerung die Erinnerung an deutsche Menschheitsverbrechen ersparen wollen. Isaac Herzog war am Dienstag der Applaus sicher, als er im Bundestag zum Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus aufrief. Die bittere Wahrheit aber ist, dass der Antisemitismus in Deutschland seit dem Besuch seines Vaters nicht wirklich weniger geworden ist. Nur vielschichtiger.

Darüber können und dürfen die mittlerweile außerordentlich guten Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nicht hinwegtäuschen. In Israel ist viel Vertrauen zu Deutschland gewachsen. Dieses Vertrauen aber kann immer nur ein Vorschuss sein. Es lebt davon, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit der Sehnsucht nach Normalität - also in Wahrheit nach Vergessen - nicht nachgeben.

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