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Deutsch-Pflicht der CSU:Erstens plausibel - und zweitens verrückt

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Der Generalsekretär der CSU, Andreas Scheuer

(Foto: Imago Stock&People)

Wenn es um Zuwanderer geht, öffnen die Christsozialen selten ihr Herz. Der jüngste Vorschlag, den Generalsekretär Scheuer verteidigt: Migranten sollen zu Hause Deutsch reden. Damit hat die CSU zwar ein Problem erkannt - bedient aber doch nur Ressentiments.

Kommentar von Detlef Esslinger

Es liegt nahe, sich über den Man-spricht-Deutsch-Vorschlag der CSU lustig zu machen. Es ist ja auch eine Spur zu absurd: Ausgerechnet die Partei, die seit Jahren und Jahrzehnten - nicht zu Unrecht - den Vorrang der Familie vor dem Staat betont, will nun in die Wohnzimmer hineinregieren. Der Spott, der am Wochenende zum Beispiel bei Twitter über die Christsozialen hereingebrochen ist ("Liebe CSU, Servus ist nicht Deutsch, sondern Lateinisch"), sei ihnen gegönnt. Nur: Er geht an der Sache vorbei.

Wenn die CSU künftig Migranten dazu "anhalten" will, auch zu Hause Deutsch zu sprechen, hört sich das erstens plausibel an - und zweitens verrückt. Jeder wird die Ansicht teilen, dass Migranten in Deutschland nur dann heimisch werden sowie das Land nur dann bereichern können, wenn sie Deutsch lernen. Es wird sich aber auch jeder fragen, wie sich die CSU die Umsetzung ihres Diktums vorstellt: Ein Videobeweis wird zwar seit Längerem in der Fußball-Bundesliga erwogen, nicht aber in der Zuwanderungsdebatte.

Aber weil es die Idee wohl auch ohne Zuhilfenahme von zehn Gläsern Enzian in den Leitantrag für den bevorstehenden Parteitag geschafft hat, darf man ihren Autoren getrost eines unterstellen: dass sie sehr genau wussten, was sie da schrieben - und es ihnen weniger um praktische Politik ging.

Eine Partei, der Integration ein Anliegen wäre, könnte viel tun

Denn wenn es um Migranten geht, öffnet die CSU selten ihr Herz. Da zeigt sie ihre Fratze. War es nicht die von ihr getragene Staatsregierung, die im Sommer in einem Münchner Erstaufnahmelager Zustände wie im Slum duldete, bevor der SPD-Oberbürgermeister der Erbärmlichkeit ein Ende machte? War es nicht der CSU-Innenminister, der erst vor ein paar Tagen bei der Eröffnung eines "Welcome Center" ebendort zunächst nur Belehrungen sprach, bevor er sich ein "Willkommen" abrang? Der Ton verrät die Musik.

Und war es nicht Bayern, dem das Mercator-Institut für Sprachförderung bescheinigen musste, von allen 16 Ländern den am wenigsten geeigneten Sprachtest für Kleinkinder zu haben? Und schließlich: Was wusste die CSU-Spitze zu sagen, als der Bund soeben beschloss, Sprachkurse für zugewanderte Mütter nicht länger zu fördern?

Eine Regierungspartei, der Integration ein Anliegen wäre, hätte so viele Möglichkeiten, ganz praktisch etwas zu tun. Aber das "Welcome Center" wird von Bürgerinitiativen getragen, die Sprachkurse werden in München nun vom Rathaus bezahlt. Statt dafür zu sorgen, dass gerade die Kinder von Migranten alle in Kindergärten gehen, schmeißt die CSU lieber Geld für ihr Betreuungsgeld hinaus.

Dabei sind sich alle Sprachwissenschaftler einig: Türkische oder syrische Eltern helfen ihren Kindern am besten, indem sie sie in den deutschen Kindergarten schicken und ihnen ein Vorbild sind, indem sie selbst Deutschkurse belegen - keineswegs aber, indem sie beim Abendessen mit ihnen radebrechen. Doch die CSU will nicht immer Probleme lösen. Wie schon bei der Ausländer-Maut: Sie will Ressentiments bedienen.

© SZ vom 08.12.2014/infu

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