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Sexualisierte Gewalt:Der Staat könnte Kinder viel besser als bisher schützen

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Die Puppe zeigt, was mit Kindern passiert - in diesem Fall bei einer Präsentation vor einigen Jahren in Tel Aviv.

(Foto: DAVID BUIMOVITCH/AFP)

Es ist schön und gut, dass die Ermittler soeben eine Darknet-Plattform ausgehoben und vier Männer verhaftet haben. Aber es gäbe da noch ganze andere Möglichkeiten.

Kommentar von Ronen Steinke

Wie unfassbar häufig sexualisierte Gewalttaten gegen Kinder sind, davon gibt die riesige Kinderporno-Plattform, die gerade von deutschen Ermittlern im Darknet ausgehoben worden ist, nur eine leise Ahnung. Mehr als 400 000 Täter waren aktiv auf dieser Plattform, "Boystown". Einige haben Hunderte Bilder und Videos hochgeladen, manche auch Tausende. Selbst wenn unter den Tätern viele gewesen sein mögen, die "nur" mal nach Bildchen schauen wollten, ähnlich wie der Ex-Fußballspieler Christoph Metzelder: Wenn nur einer von zehn die Hemmungen verloren hat, auch mal selbst in der realen Welt... Man mag sich die Dimensionen nicht ausmalen.

Der Staat hätte längst Möglichkeiten, dieser Gewalt viel stärker entgegenzutreten: erstens schon beim Umgang mit solchen Plattformen. So schön es ist, dass jetzt vier mutmaßliche deutsche Hintermänner verhaftet worden sind - die übrigen 400 000 Nutzer hat man nicht enttarnt, ihre Karawane zieht weiter zum nächsten Darknet-Betreiber. US-Ermittler machen den deutschen Kollegen seit Jahren vor, wie man das besser macht. Anstatt eine Kinderporno-Seite sofort vom Netz zu nehmen, dürfen die Amerikaner sie auch kapern und, während die Administratoren bereits in U-Haft schmoren, ein paar Wochen lang weiter betreiben. Als Falle. Um weitere User zu enttarnen. So lange, bis sich herumspricht, dass die Plattform kompromittiert ist. Das ist zwar eine widerliche Tätigkeit. Aber dann gehen den Ermittlern nicht nur vier Kriminelle ins Netz, sondern vielleicht 4000, oder 40 000.

Alle wissen es. Keiner sagt was. Bislang ist das völlig legal

Das zweite Problem in Deutschland ist eine Rechtslage, die online wie offline problematisch ist: Wenn in einem Sportverein der Trainer die Mädchen sexuell belästigt, und alle wissen es, aber alle schweigen - dann ist dieses Schweigen bislang völlig legal. Es gibt keine Pflicht, so etwas anzuzeigen. Es gibt überhaupt fast gar keine Anzeigepflichten im deutschen Strafrecht, außer man weiß von bevorstehendem Mord oder Hochverrat. Warum eigentlich? Mancher, der sich im Sportverein vielleicht quält mit der Frage, ob er ein Denunziant wäre, ob er sich den Gang zur Polizei trauen soll und sich das überhaupt erlauben kann - dem wäre schon sehr geholfen, wenn er wüsste, dass die Gesellschaft da eine ganz klare Erwartung hat: dass man sein Schweigen bricht.

Drittens: Wann endlich werden sich Strafverfolger in eine Welt hineinwagen, die für sie noch stärker Neuland zu sein scheint als selbst das Darknet? Die Rede ist von den Kirchen. Der Umgang mit ihnen ist zart. Da rollt nicht die Kavallerie herein, selbst wenn es um den Verdacht massenhaften Kindesmissbrauchs geht, da stapfen Ermittler nicht in die Archive, durchwühlen keine Aktenschränke, um zu gucken, was sie finden; so wie sie es bei Audi oder VW oder anderen vormaligen Heiligtümern inzwischen tun. Sondern da wird weiterhin höflich angeklopft und der Bischof gefragt, ob seine Leute vielleicht etwas Material zusammenstellen könnten. Das ist ein Signal nach außen -- und es trägt fatal dazu bei, dass viele Menschen sich weiterhin scheuen, Kirchenleute wegen sexueller Übergriffe anzuzeigen. So etwas gehört sich nicht, glauben viele. Doch, so etwas gehört sich! Das müsste vom Staat, von den Strafverfolgern dringend vorgelebt werden.

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Von Ronen Steinke

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