Corona:Die Wette von Kopenhagen

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Dänemarks Regierung will fast alle Beschränkungen aufheben. Bei einer Inzidenz von fast 5000.

Kommentar von Kai Strittmatter

Dänemark ist immer für eine Überraschung gut. Jetzt marschiert das Land wieder voran: Es schafft nächste Woche schon erneut alle Corona-Beschränkungen ab. Als ob die Pandemie schon ein Ende hätte. Und was für ein Timing: Dänemark meldet gerade eine Sieben-Tage-Inzidenz von fast 4000. Wagemutig, der dänische Kurs? Oder halsbrecherisch? Tatsächlich haben die Dänen wohl einige gute Gründe für ihren Schritt, aber auch den einen oder anderen weniger guten.

Dänemark hat vieles richtig gemacht in mehr als zwei Jahren Pandemie. Die Corona-Politik der Regierung war oft von mehr Menschenverstand geprägt als anderswo. Die Digitalisierung der Gesellschaft, das große Vertrauen der Bürger in Regierung und Behörden, all das half. Den Deutschen sind die Dänen in einigem voraus: Die Impfzahlen sind bei unseren Nachbarn fast zehn Prozent höher. Und getestet wird um ein Vielfaches mehr - auch deshalb die hohen Inzidenzen. Das aber bedeutet nicht nur, dass die Bevölkerung schon längst besser geschützt und der Herdenimmunität ein ganz Stück näher ist, es verschafft den Behörden auch ein realistischeres Bild der aktuellen Lage.

Die Frage allerdings ist, ob ihr Blick in die nahe Zukunft von gleichem Realismus getragen ist, oder ob nicht eine allzu große Portion Selbstüberschätzung und Risikobereitschaft diesen Blick bisweilen trübt. Dänemark hat ja schon einmal für sich die Pandemie abgeschafft, im September - und wurde dann kalt erwischt von Omikron. Das Land lief auch deshalb mit offenen Flanken in die Welle, weil keiner mehr Masken und Corona-Pass bei sich trug. Die enthusiastischsten Befürworter der Politik waren jedenfalls diese Woche die Nachtclubbesitzer. Und die größten Mahner: Pflegekräfte und einige Wissenschaftler, die sagten, die Öffnung komme ein paar Wochen zu früh. Es ist, wieder einmal, eine Wette, die Kopenhagen hier eingeht. "Das Virus", mahnt die Zeitung Politiken, "hat uns alle noch jedes Mal aufs Neue überrascht."

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