Die Rettung und Erstversorgung der mehr als 100 Verletzten aus der brennenden Bar in Crans-Montana war eine logistische Meisterleistung. Innerhalb weniger Stunden waren alle Patienten mit ihren teils sehr schweren Verbrennungen von den engen und verwinkelten Straßen des Skiorts in 1495 Metern Höhe auf Kliniken in der gesamten Schweiz verteilt worden. In den folgenden Tagen wurden sie zügig in Spezialkliniken in ganz Europa weitertransportiert. Der Rettungseinsatz verlief, soweit man weiß, absolut professionell und reibungslos. So wie man erwartet, dass es in der effizienten und gut organisierten Schweiz abläuft.
Das Land, vor allem der Kanton Wallis und der Ort Crans-Montana zeigten sich in den Tagen nach der Katastrophe aber auch von einer weniger kompetenten Seite. Den vorläufigen Tiefpunkt markierte eine Pressekonferenz der Gemeinde. Da erklärte deren Präsident Nicolas Féraud, es habe in der Bar „Le Constellation“, wo das Feuer wütete, das 40 Menschen das Leben gekostet hat, seit 2019 keine Kontrolle des Brandschutzes mehr gegeben. Bei den Kontrollen in den Jahren zuvor sei die Schaumstoffverkleidung, die wahrscheinlich durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen entzündet wurde, nicht beanstandet worden. Wie seriös kann ein solcher Brandschutz sein?
Ein ungeheuerlicher Satz
Warum die Kontrollen ausblieben und die Gefahren nicht erkannt wurden, konnte oder wollte Féraud nicht erklären. Auch bei den Familien der Toten und den Verletzten mochte er sich nicht entschuldigen. Stattdessen plant die Gemeinde in dem Verfahren als Nebenklägerin aufzutreten, als gehöre sie zur Opferseite. Und dann sagte er noch den ungeheuerlichen Satz: „Wir sind mehr als andere betroffen. Mehr als alle, denke ich.“ Dieser Mangel an Einfühlungsvermögen wirft noch mehr Fragen auf, und zwar grundsätzliche.
Gemeinden in der Schweiz sind nach dem Milizprinzip organisiert, das auch die Rettungsdienste breit in der örtlichen Gemeinschaft verankert. Die sogenannten Räte und Präsidenten üben das Amt aus, während sie oft noch in einem anderen Beruf arbeiten. Das hat Vorteile und kann auch in Krisen funktionieren. Als im vergangenen Jahr ein Bergsturz das Dorf Blatten zerstörte, waren Kommunikation und Handeln der Gemeinde sachlich und professionell. In Crans-Montana aber scheint das Milizprinzip an seine Grenzen zu stoßen. Dort sind die Behörden der Situation offensichtlich nicht gewachsen, und nicht nur, was die Kommunikation angeht. Die ausgebliebenen Brandschutzkontrollen sprechen für eine systematische Überforderung. Dazu kommt erschwerend, dass die ermittelnde Staatsanwaltschaft im Kanton Wallis ebenfalls seit Jahren als langsam und völlig überlastet gilt.

Unglück in Crans-Montana:„Wenn die Situation als bedrohlich erkannt wird, ist die Ratio im ersten Moment gehemmt“
Weshalb haben beim Brand in Crans-Montana manche Partygäste nicht sofort die Flucht ergriffen, als das Feuer ausbrach? Der Katastrophenforscher Martin Voss erklärt, warum ein solches Verhalten typisch ist und wie man sich gedanklich auf Extremsituationen vorbereiten kann.
Die Versäumnisse, die bisher ans Licht gekommen sind, reichen längst über den Brand in der Bar hinaus
Die Katastrophe von Crans-Montana hat international für Entsetzen gesorgt. Die Schweiz tut aber so, als sei das größte Unglück in der jüngeren Geschichte des Landes eine Sache, die sich nebenbei auf Gemeinde- und Kantonsebene aufklären lässt. Die Reaktionen der Schweizer Regierung beschränkten sich bislang hauptsächlich auf Beileidsbekundungen.
Schon aus Respekt vor den Toten und Verletzten der Katastrophe brauchen die Behörden dringend mehr Unterstützung bei der Aufklärung und Aufarbeitung. Sowohl aus Bern als auch von anderen Kantonen. Denn die Versäumnisse, die bisher ans Licht gekommen sind, reichen längst über den Brand in der Bar hinaus. Sie müssen von einer unabhängigen, externen Untersuchungskommission aufgeklärt werden. So wie man es von der Schweiz erwarten würde.


