Corona-Impfung:Ein Winter ohne Masken ist möglich

Corona-Impfung: Impfstoff von Moderna

Im digitalen Entwicklungsland Deutschland kann man sich offenbar mal so um fünf Millionen Impfungen verrechnen.

(Foto: dpa)

Die Impfquote könnte erheblich höher liegen als bisher gedacht. Das ist Grund zur Freude, doch eigentlich ein Skandal.

Kommentar von Werner Bartens

Eigentlich besteht Grund zur Freude. Der Anlass kommt allerdings so überraschend wie der Fund von einem Bündel Geldscheinen zwischen selten gebrauchten T-Shirts. Die Impfquote in Deutschland liegt offenbar deutlich höher, als bisher angegeben wurde. Statt einer Quote von 75 Prozent Erwachsener, die vollständig gegen das Coronavirus geimpft sind, könnten es bereits 80 Prozent sein. Auch der Anteil derer, die schon die erste Impfung erhalten haben, würde demnach bei 85 Prozent der Erwachsenen liegen anstatt der bisher angegebenen 80 Prozent.

Fünf Prozentpunkte Unterschied unter Erwachsenen klingt läppisch - das sind jedoch 3,5 Millionen Menschen. Angesichts der Tatsache, dass die Impfbereitschaft zuletzt ins Stocken geraten war und sich an manchen Tagen nur 100 000 Menschen oder weniger haben impfen lassen, ist das ein geradezu gewaltiger Sprung. Er lässt zudem das Ziel in realistische Nähe rücken, endlich wieder zur lang ersehnten Normalität (was immer das auch genau ist) zurückzukehren. Ein Alltag ohne Masken und mit dem Abstand, den jeder für angemessen hält, könnte bald möglich sein. Der harte Winter, den manche Epidemiologen prophezeien, könnte sich aus pandemischer Sicht in Deutschland als weitaus milder herausstellen.

Pi mal Daumen - vielleicht ist das die Spahn'sche Unschärferelation

Auch wenn die Freude darüber groß sein sollte, dass offenbar mehr Menschen als gedacht über einen vollständigen Impfschutz verfügen - die Ungenauigkeit in der Erfassung ist eine weitere Blamage in der an Pannen nicht armen Ära der Pandemie. Der neben Inzidenz und Krankenhausbelegung wichtigste Parameter, um Schutzmaßnahmen und Einschränkungen zu begründen, lässt sich im Land der Tüftler und Ingenieure nur mit der Methode Pi mal Daumen abschätzen, nach dem Motto: Die Impfquote könnte so hoch liegen, eventuell aber auch höher. Vielleicht ist das die Spahn'sche Unschärferelation.

Das Ärgernis um die schwer zu fassende Impfquote zeigt exemplarisch, was in diesem Land seit Beginn der Pandemie alles fehlt. Im digitalen Impfmonitoring ist "eine Unterschätzung von bis zu fünf Prozentpunkten" der Geimpften möglich, teilt das Robert-Koch-Institut mit. Im digitalen Entwicklungsland Deutschland ist das kein Wunder: Arztpraxen müssen ihre Hard- wie Software auf eine nicht ausgereifte IT umrüsten, die Patienten keine Vorteile bringt und Doktoren in die Verzweiflung treibt. Da kann schon mal die eine oder andere Impfung nicht erfasst werden. Was die Erfassung klinischer Daten oder den Aufbau von Datenbanken angeht, hängt Deutschland anderen Staaten weit hinterher, gleich ob es sich um Register zu Krebsleiden, Gelenkersatz oder eben Corona-Impfungen handelt.

Gesundheitswesen, das heißt hier schlechte Technik und überbordende Bürokratie

Ein weiteres Ärgernis besteht darin, dass es in Deutschland in Gesundheitsfragen zu wenige sozioökonomische Daten gibt. Schlechte Technik, überbordender Datenschutz und entfesselte Bürokratie tragen zu diesem Manko bei. Gesundheitspolitiker und Fachgesellschaften haben es allerdings auch versäumt, bessere Erkenntnisse über jene einzufordern, die in diesem Land krank werden. Wer musste besonders häufig auf Intensivstationen behandelt werden? Wer hatte einen schweren Verlauf? Und welche Gruppen sind besonders zögerlich, sich impfen zu lassen?

Wo war die Taskforce aus dem Gesundheits- und dem Bildungsministerium, die sich gemeinsam mit der Flugtaxibeauftragten, die eigentlich für Digitalisierung zuständig war, um diese Dinge hätte kümmern sollen? Auch in dieser Hinsicht bleibt für die neue Regierung viel zu tun.

© SZ/jsl
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