Süddeutsche Zeitung

Corona in Deutschland:Warum es jetzt auf Eigenverantwortung ankommt

Kanzlerin und Länderchefs haben die Chance vertan, klare Regeln zu beschließen. Aber die Bürger sollten ohnehin nicht darauf vertrauen, dass der Nanny-Staat alles richtet.

Kommentar von Werner Bartens

Viren sind klein, aber gemein. Man kann sie nicht sehen, riechen, schmecken oder hören - und spüren tut man sie erst, wenn es bereits zu spät ist. Insofern fällt es nicht leicht, sie als Gefahr wahrzunehmen, vor allem, wenn das diffuse Gefühl der Bedrohung über Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre aufrechterhalten werden soll. Niemand kann permanent Angst haben. Zudem geht es den meisten Menschen in Deutschland gut, Freunde und Familie waren nicht erkrankt, viele kennen nicht mal jemanden, der betroffen war. Das Einzige, was sie am eigenen Leib erfahren, sind vor lauter Hygiene rau gescheuerte Hände, unbequeme Masken und die vielen anderen kleinen und großen Hindernisse im Alltag.

Gerade weil das Risiko, das von der Corona-Pandemie ausgeht, intuitiv so schwer zu erfassen ist, sollten medizinische Empfehlungen wie auch politisch verordnete Einschränkungen und Verbote klar, einfach und nachvollziehbar sein. Einheitlich wäre auch nicht schlecht. Die Runde der Ministerpräsidenten bei der Kanzlerin hat diese Chance leider vertan. Zwar taten viele Länderchefs hinterher so, als hätten sie gerade einen großen Wurf verabschiedet. Vermutlich waren sie aber eher von sich selbst beeindruckt, weil sie bis tief in die Nacht getagt und sich doch noch irgendwie geeinigt haben.

"Irgendwie" gibt das Ergebnis wohl am besten wieder. Maskenpflicht ab einer Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohner, wenn Menschen "dichter oder länger" öffentlich zusammenkommen - geht es noch ungenauer? Sperrstunden, verschärfte Maskenpflicht, nur Kleinveranstaltungen, wenn die Zahl von 50 Neuinfektionen überschritten wird. Zudem gelten Teilnehmergrenzen für Feiern, die sich - abhängig davon, ob privat oder öffentlich, von der Infektionszahl und dem Ort - so unterscheiden, dass sie eher verwirren. Und was sind "nicht erforderliche innerdeutsche Reisen", auf die verzichtet werden soll? Der Urlaub in dem noch nicht vom Beherbergungsverbot betroffenen Landkreis? Der Besuch bei der vereinsamten Tante?

Etliche der verordneten Maßnahmen sind, freundlich ausgedrückt, medizinisch umstritten. Eine Sperrstunde verkürzt zwar potenziell die Zeit, in der sich Menschen auswärts anstecken können. Wenn nach der letzten Bestellung in Kneipe oder Restaurant aber alle zur selben Zeit auf Straßen, in Bussen und Bahnen zusammenkommen, freuen sich die Viren über ihr mikrobielles Klassentreffen. Der Nutzen von inländischen Reisebeschränkungen ist ebenfalls fragwürdig. Dass es tatsächlich der Pandemiebekämpfung hilft, wenn eine Familie auf ihre Urlaubsfahrt per Auto in die abgelegene Frühstückspension verzichten muss, die Feier - mit wie viel Personen noch mal? - aber erlaubt bleibt, ist kaum zu vermitteln. Und wer erklärt der Bahn, dass fehlende Waggons, ausgefallene Reservierungen und gestrichene Züge mit dem folgenden Gewusel auf Gängen und Bahnsteigen nicht nur den Betriebsablauf stören, sondern auch Präventionsbemühungen?

Sich nur über die vagen Vorgaben der Politik auszulassen, greift allerdings zu kurz. Das Signal, das vom Treffen im Kanzleramt ausgehen soll, ist ja eigentlich klar. Die Gefahr war nie weg, jetzt wird sie wieder konkreter. Die Herbst- und Wintermonate werden als Herausforderung womöglich schwieriger als jene Wochen im Frühjahr, die sich schon jetzt wie aus einem anderen Jahrzehnt anfühlen. Deshalb die Empfehlung: vorsichtig sein, das Risiko nicht unterschätzen, sich rücksichtsvoll und solidarisch verhalten.

Es gibt eine Reihe von Schritten und Verhaltensweisen, um sich und andere zu schützen

Um sich und andere zu schützen, gibt es keinen perfekten Plan, aber eine Reihe von Schritten und Verhaltensweisen, die alle ein bisschen dazu beitragen, auch den dunklen Monaten mit dezenter Zuversicht zu begegnen. Zusammengenommen bieten sie relative Sicherheit. Wer auf Skitour geht, kann die Lawinengefahr schließlich auch nicht zu hundert Prozent verbannen. Sonne, Wind und Wetter einzuschätzen, Hangneigung und Schnee zu beachten, nur in erfahrener Begleitung unterwegs zu sein und noch dazu mit der richtigen Ausrüstung, minimiert die Risiken jedoch erheblich.

Insofern bedeutet der strapazierte Begriff der Eigenverantwortung auch, sich vom allzu deutschen Perfektionismus zu verabschieden und auf viele kleine, hilfreiche Dinge zu achten, anstatt nur darauf zu vertrauen, dass der Nanny-Staat es schon richten wird und in jedem Winkel des Alltags vorschreibt, was gerade noch gestattet ist und was nicht. Klar, es ist furchtbar anstrengend und auf Dauer langweilig, ständig und überall Vorsicht, Umsicht und Rücksicht walten zu lassen. Diese Pandemie ist eine Zumutung, keine Frage. Manchmal sogar eine Überforderung. Doch der Blick auf das europäische Ausland und die teils drakonischen Maßnahmen dort zeigt hoffentlich auch, dass es besser ist, jetzt freiwillig bittere Medizin zu nehmen, anstatt sich hinterher zu beschweren, dass ein ganzes Land gelähmt und geschwächt darniederliegt.

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Quelle:
SZ vom 16.10.2020/hij
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