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Coronavirus in Deutschland:Es ist ernst

Ostseestrand in Scharbeutz

Schönes Wetter und freie Tage lassen viele Menschen Abstandsregeln vergessen, wie am Ostsee-Strand in Scharbeutz.

(Foto: dpa)

Zu viele Deutsche nehmen Covid-19 inzwischen auf die leichte Schulter. Ein erneuter Lockdown mit fatalen Folgen ist nur zu vermeiden, wenn jeder Einzelne mitzieht.

Kommentar von Ulrich Schäfer

Als Angela Merkel sich am 18. März dieses Jahres in einer Fernsehansprache an die Bundesbürger wandte, packte sie ihre wichtigste Botschaft in zwei kurze Sätze: "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!" Die Kanzlerin wollte die Menschen damit auf den bevorstehenden Lockdown vorbereiten, aber sie auch dazu bewegen, die Kontaktbeschränkungen und die anderen Corona-Auflagen tatsächlich einzuhalten.

Fünf Monate später nehmen zu viele Bundesbürger die Pandemie nicht mehr ernst genug. Sie empfinden die Abstandsregeln bisweilen als hinderlich, das regelmäßige Händewaschen als unnötig, die Alltagsmasken als zu unbequem. Manche widersetzen sich den Corona-Regeln auch bewusst, weil sie Covid-19 für eine Verschwörung halten; andere wollen einfach ihre Freiheit ausleben und feiern Partys an Badeseen, Flussufern oder im Urlaub. Verdrängt haben viele die erschütternden Bilder von Militärlastern, die die Corona-Toten aus Bergamo abtransportieren, von verzweifelten Ärzten in Spanien und sedierten Corona-Patienten, die bäuchlings an Beatmungsgeräten liegen.

Es ist ernst: Diese Mahnung gewinnt gerade erneut an Bedeutung. Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermeldet seit Mitte Juli steigende Infektionszahlen. Ende der Woche waren es drei Mal in Folge mehr als 1400 Neuansteckungen am Tag - und damit weit mehr als am Morgen vor Merkels TV-Auftritt. Am 18. März meldete das RKI 1041 Neuinfektionen und insgesamt gut 8000 Covid-19-Fälle, verglichen mit rund 13 000 aktiv Erkrankten heute.

Was ist, wenn es sich bei den Neuinfektionen bald nicht mehr um lokal eingrenzbare Ausbrüche handelt?

Epidemiologen sind zurecht besorgt, das Robert-Koch-Institut warnte vor einigen Tagen bereits, dass die Entwicklung wieder außer Kontrolle geraten könne. Noch wachsen die Fallzahlen, anders als im März, zwar nicht exponentiell. Zudem sind Krankenhäuser und Gesundheitsämter viel besser vorbereitet und ausgerüstet. Aber was ist, wenn die Neuinfektionen bald noch schneller steigen sollten, weil es sich nicht um lokal eingrenzbare Ausbrüche handelt, sondern um einen deutschlandweiten Anstieg? Und was ist, wenn noch mehr Reiserückkehrer das Virus mit heimbringen? Breitet sich das Virus dann ähnlich schnell aus wie nach den Faschingsferien im Februar?

Im Frühjahr, als Merkel zu den Bürgern sprach, hatte die Politik das Heft des Handelns noch klar in der Hand. Die Bundesregierung, und mit ihr die Ministerpräsidenten, führten das Land ein paar Wochen lang so rigoros und von oben herab, wie man es sonst nur aus einer Kommandowirtschaft kannte. Doch die Einigkeit ist längst passé, wie sich gerade wieder beim Wirrwarr um den Schulstart zeigt. Außerdem könnte sich das Land einen neuerlichen, umfassenden Lockdown ohnehin nicht leisten. Die Wirtschaft würde dann vollends in die Knie gehen. Hunderttausende Kleinbetriebe, Selbständige und Mittelständler, aber auch etliche große Unternehmen würden dies nicht überleben, und aus Millionen von Kurzarbeitern würden am Ende Millionen Arbeitslose.

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In den nächsten Monaten kommt es auf jeden Einzelnen an

Nicht minder verheerend wäre es, wenn in Europa die Grenzen erneut geschlossen würden. Dies würde nicht bloß den langsam wieder auflebenden Tourismus stoppen, sondern auch die innereuropäischen Lieferketten erneut unterbrechen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: In Spanien dürfte man die Reisewarnung, die die deutsche Regierung aufgrund der dortigen Infektionszahlen verhängt hat, in gewisser Hinsicht als einseitige Grenzschließung verstehen. Am Wochenende sprach sich auch Österreichs Kanzler Sebastian Kurz dafür aus, Reiserückkehrer an den Grenzen wieder besser zu kontrollieren, damit das Virus nicht eingeschleppt wird.

Weil der deutsche Staat aber nicht ein zweites Mal derart hart wie im Frühjahr durchgreifen kann, kommt es in den nächsten Monaten mehr denn je auf den Einzelnen an: auf den einzelnen Bürger, der sich an die Abstands- und Hygieneregeln halten sollte; aber auch auf den einzelnen Landrat oder Bürgermeister, der bei lokalen Ausbrüchen schneller handeln sollte als beim Fall Tönnies in Gütersloh. Nur wenn es gelingt, die Pandemie im Kleinen zu bekämpfen und Infektionsketten früh zu durchbrechen, wird das Land halbwegs gut durch den Herbst und Winter kommen. Gerade deshalb ist ja auch das bayerische Versagen bei den Tests für Reiserückkehrer so fatal; denn weil sie von ihrer Erkrankung nichts wussten, waren mehr als tausend positiv Getestete tagelang eine Gefahr für andere - und damit ein möglicher Ausgangspunkt für Dutzende oder gar Hunderte von Infektionen.

Nehmen Sie es auch ernst: Dieser Satz von Angela Merkel gilt in einer Zeit, in der die Infektionszahlen wieder kräftig steigen, nach wie vor. Denn die Pandemie ist - trotz aller vagen Hoffnungen auf einen Impfstoff - noch lange nicht vorbei. Bis dahin mag das Tragen einer Alltagsmaske vielleicht lästig sein, aber verglichen mit einem möglichen zweiten Lockdown und einer noch dramatischeren Rezession ist es ein ziemlich milder Eingriff.

© SZ vom 17.08.2020/hij
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