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Pandemie:Es lebe die CoronaImpfV

Politiker, Bürokraten und Bürger müssen endlich aufhören, aus Deutschland ein Paradies für Mutanten zu machen. Immer nur Lockdown? Es gibt so viele andere Vorschläge.

Von Detlef Esslinger

Ein neuer Lockdown-Beschluss steht bevor. "Erst mal überlegen wir alle solche Sachen", sagt Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg - was beschwichtigend klingt, aber nach aller Erfahrung einstimmend gemeint ist. Karl Lauterbach, der Gesundheitsminister h.c., und Helge Braun, der Chef des Kanzleramts, sprechen ähnlich, und die Metall-Arbeitgeber fügen sich: "Wäre mir lieber, anstatt über Monate keine klaren Strukturen zu haben", sagt ihr Präsident. Vielleicht ist der nächste Lockdown tatsächlich notwendig, angesichts der Zahlen. Aber hinreichend? Keinesfalls.

Es reicht jetzt allmählich mit der Phantasielosigkeit, dem Achtzigerjahre-Management, der Bürokratie-Besessenheit. Das Elend des Landes zeigt sich in den achtseitigen Briefen, die die Berliner Gesundheitssenatorin an die Leute verschickt: zwei Seiten Einladung zur Impfung, sechs Seiten zum Datenschutz. Es zeigt sich in den Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns an alle Hausärzte - versehen mit dem Hinweis, dass geimpft werden muss "streng entlang der Priorisierungsvorgaben der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 (CoronaImpfV)", und mit 26 Seiten allein für die Abrechnung. Wer hat eigentlich die Zeit, so etwas zu entwerfen?

Wenn jemand "Nein" sagt, sollte er eine andere Idee vorschlagen

Deutschland ist ein Paradies: für die Mutanten. Politikern fällt nur Lockdown ein, Sachbearbeitern nur Datenschutz, und viele Bürger maulen, dass sie Astra Zeneca statt Biontech bekommen sollen. In Berlin hat fast die Hälfte der Berechtigten auf die Impfung verzichtet, weil für sie nur der erstgenannte Stoff vorgesehen war. Gibt es solch eine Dreieinigkeit irgendwo anders auf der Welt? Am Ende wird in den Metallbetrieben das Moos die Fließbänder bedecken, und vor den Notaufnahmen kippen die Leute um. Aber die CoronaImpfV lebt.

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, hat gesagt, sie sei es leid, tausend Erklärungen zu hören, warum etwas nicht geht. "Ich möchte tausend Ideen hören, wie etwas klappen kann." Genau das ist der richtige Ansatz; hier wären ein paar: In Israel riskiert der Staat nicht, dass am Abend Impfstoff weggeschmissen werden muss. Von einer bestimmten Uhrzeit an kann jeder bei der Impfstation vorbeischauen und bekommt von dem, was noch übrig ist. In Frankreich sollen jetzt auch die Zahn- und die Tierärzte beim Impfen ran. Roland Koch, der frühere hessische Ministerpräsident, schlägt vor, nach Ostern jede Veranstaltung zu erlauben, "zu der alle Teilnehmer sich höchstens sechs Stunden zuvor einem dokumentierten Test unterzogen haben". Und mag auch gegen die Öffnung von Campingplätzen oder Ferienparks sprechen, dass die Leute sich dort zum spontanen Grillen träfen - gegen die Öffnung von Ferienwohnungen spricht nichts.

Was an Digitalisierung über Jahrzehnte versäumt worden ist, lässt sich nun kaum innerhalb von Wochen nachholen. Aber es gibt Nachverfolgung-Apps, die bereits vielerorts ihre Dienste leisten. Der Ministerpräsident oder die Landrätin, die sie ablehnen, sollen dies gerne tun, dann jedoch bitte nach dem Göring-Eckardt-Prinzip: sofort eine andere Idee liefern, wie die Reanimierung der Gesellschaft klappen kann. Das Virus bringt Menschen um, aber die organisierte Bräsigkeit gibt dem Land den Rest.

© SZ/wok
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