Süddeutsche Zeitung

Pandemie:Lasst die Schulen offen

Weil die Inzidenz über 100 steigt, müssen Kinder vielerorts wieder zu Hause bleiben. Dabei gäbe es Wege, um diesem fatalen Mechanismus der Corona-Politik zu entkommen.

Von Hans Gasser

Zwei Wochen! Gerade mal so lang waren die Grundschulen und Kindergärten in vielen Landkreisen und kleineren Städten geöffnet. Dann hieß es, wie etwa in Rosenheim: Inzidenz über 100, alle nach Hause. In mehr als 30 Landkreisen und kreisfreien Städten in Bayern ist das mittlerweile so. Und es werden immer mehr, in ganz Deutschland, weil die Infektionen steigen.

Man hat noch im Ohr, wie sehr viele Politiker beteuert haben, das Wichtigste sei, wenn es denn zu Lockerungen komme, die Öffnung der Schulen und Kitas. Wer Kinder im Grundschulalter hat, konnte feststellen, um wie viel besser sie drauf waren, als es zumindest Wechselunterricht gab: Statt einsam Zettelstapel mit Schulaufgaben abzuarbeiten und ruckelnde Videokonferenzen am späten Nachmittag zu verfolgen (weil das Programm vormittags überlastet ist), konnten die Kinder endlich wieder mit und von anderen Kindern lernen und die Lehrerin um Erklärung bitten. Dass dies gerade in den ersten Schuljahren für Lernfortschritt, soziale Kompetenz und persönliche Entwicklung extrem wichtig ist, besonders für die vielen Kinder, die zu Hause keine helfenden und erklärenden Eltern haben, ist Konsens unter Pädagogen und Bildungsforschern.

Die Inzidenz von 100 damit zu verknüpfen, dass Grundschulen und Kindergärten dann automatisch schließen müssen, ist ein großer Fehler, aus mehreren Gründen. Zum einen erreichen kleinere Städte und Landkreise sehr schnell diese Inzidenz, da braucht es nur einen größeren Ausbruch in einer Firma zu geben. So ist sie in einer Stadt mit 30 000 Einwohnern bereits erreicht, wenn sich 30 Menschen auf einen Schlag anstecken.

Der Besuch von Kitas und Schulen darf nicht von einem starren Zahlenwert abhängig sein

Zum anderen, und das ist wichtiger, hat das Robert-Koch-Institut untersucht, wie sich der Schulbetrieb auf die Infektionslage auswirkt, und danach in seinem Epidemiologischen Bulletin 13/2021 festgestellt, dass von Kindern im Alter bis zu 15 Jahren "im aktuellen pandemischen Geschehen keine substanzielle treibende Kraft ausgeht". Auch habe sich gezeigt, dass die Wiedereröffnung der Schulen für jüngere Kinder und Abschlussklassen in Dänemark, Norwegen und Deutschland "nicht zu einem signifikanten Anstieg der Wachstumsrate von Krankenhausaufenthalten geführt" habe.

Zwar infizieren sich derzeit durch die Verbreitung der ansteckenderen britischen Virusvariante auch mehr Kinder. Aber deshalb Schulen bei bestimmten Inzidenzen präventiv zu schließen, statt endlich die versprochenen zwei Schnelltests pro Woche bereitzustellen und die Lehrer und Erzieherinnen schnell zu impfen, zeigt das ganze Versagen der politisch Handelnden.

Wenn der bayerische Kultusminister Michael Piazolo sagt, er könne sich "vorstellen, dass wir über die Methode des intensiven Testens auch bei Inzidenzen über 100 mindestens die Grundschulen wieder öffnen können", so ist das zu begrüßen. Falsch daran ist nur die Möglichkeitsform: könnte. Und wenn es dann noch heißt, erst in der Woche vor Ostern könnten "erste Pilotversuche" zum Testen stattfinden, wird es vollends kurios.

Die Tests in Schulen müssen sofort kommen; im sonst viel kritisierten Nachbarland Österreich schafft man das schließlich längst. Und gleichzeitig muss die 100er-Inzidenz zur Öffnung von Schulen und Kitas fallen. In den meisten europäischen Ländern bleiben diese trotz deutlich höherer Inzidenzen offen. Gute Bildung und soziale Teilhabe der Kinder sind einfach zu wichtig, als dass man sie an solch einen falschen Mechanismus knüpfen darf.

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