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Meinung am Mittag: Kinder in der Pandemie: Schule auf oder Schule zu - das ist keine Strategie

Coronavirus - Schulschließungen

Ein leeres Klassenzimmer im Januar in Leipzig.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Vor der Ministerpräsidentenkonferenz warten viele sehnsüchtig auf eine einheitliche Taktik, wie Schulen und Kitas wieder öffnen können. Dass es dafür erst nach elf Monaten Pandemie eine Leitlinie gibt, ist ein Armutszeugnis.

Kommentar von Henrike Roßbach

An diesem Mittwoch schalten sie sich wieder zusammen, die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin. Die Runde wird beraten, wie es weitergeht mit dem Lockdown, den Mutanten und all den anderen Zumutungen. Natürlich wird es Streit geben, und dass besonders über die Schulen gestritten werden wird, zeichnete sich schon am Vortag ab: Während das Kanzleramt am Lockdown bis März möglichst wenig rühren will, wollen die Kultusminister die Schulen nächste Woche schrittweise öffnen.

Passend dazu hat die Bundesbildungsministerin am Montag eine "S3-Leitlinie" vorgestellt. Das klingt ähnlich frisch wie ein vergessenes Weihnachtsplätzchen. Dahinter aber verbirgt sich etwas lebenspraktisch Bedeutsames, methodisch sauber aufgearbeitet: Wissenschaftler zeigen auf, wie ein Schulbetrieb in der Pandemie möglich wäre.

Die Erwartungen an die Ministerpräsidentenkonferenz sind, was Lockerungen im großen Stil angeht, gering bis nicht vorhanden - etwas anderes gibt die Lage nicht her. Hoch aber sind die Erwartungen in Sachen "Öffnungsstrategie": klare Stufen für den Weg aus dem Lockdown, klare Perspektive, klare Ziele. Vor diesem Hintergrund kommt das Schulpapier, das Anja Karliczek (CDU) am Montag vorgestellt hat, wie gerufen.

Die empfohlenen Maßnahmen für den Schulbetrieb - kleinere Klassen, feste Kohorten, das Tragen von Masken im Unterricht, der richtige Umgang mit Kontakt- und Verdachtsfällen, regelmäßiges Lüften - wurden wissenschaftlich bewertet, auf Basis der Studienlage. Aus den Empfehlungen geht hervor, welches Maßnahmenbündel den Schulbetrieb in der Pandemie sicherer machen können - und damit möglich. Die Leitlinie ist etwas, auf das die Politik sich berufen kann.

Oder besser: könnte. Denn letztlich ist das Ganze auch ein Armutszeugnis. Man fragt sich, warum Bund und Länder es in elf Monaten Pandemie nicht schon längst geschafft haben, sich auf einheitliche Maßnahmen für die Schulen zu einigen. Zudem ist keine der vorgestellten Empfehlungen eine Neuigkeit, etwas, wovon man noch nie gehört hätte - und an feste Inzidenzen sind sie auch nicht gebunden.

Bund und Länder müssen zu einem einheitlichen Konzept kommen

Das Robert-Koch-Institut hat schon ewig Präventionsmaßnahmen für Schulen im Angebot, und vieles wurde an den Schulen längst so praktiziert, wie die Wissenschaftler es nun empfehlen. Nur: Es wurden eben nicht überall sämtliche Maßnahmen als konsistentes Paket angewendet. Stattdessen galten regional unterschiedliche Regeln, und noch Ende November zankten Bund und Länder sich in einer ihrer nächtlichen Runden allen Ernstes darüber, wer die zusätzlichen Schulbusse bezahlen solle, die notwendig wären, um die Schüler nicht dicht gedrängt durch die Stadt zu kutschieren.

Für die Schulen (und auch für die Kitas) darf es nicht nur auf oder zu geben, und vor allem darf "zu" nicht die alleinige Antwort sein, bis Lehrer und Erzieherinnen irgendwann geimpft sind. Vorschläge für die Zeit dazwischen gibt es - und die Möglichkeit, deutlich mehr zu testen, auch mit Selbsttests, kommt noch hinzu. In der Leitlinie taucht dieser Komplex nämlich noch gar nicht auf.

Und wo man schon mal dabei ist: Eine Leitlinie, wie echter, pädagogisch sinnvoller Online-Unterricht aussehen sollte, und wie man den überall im Land sicherstellen kann, wäre so langsam auch mal dran.

© SZ/jael
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