Schulen und Corona:Lernen, wie man lernt

Corona und Schule: Präsenzunterricht in Grundschule

Grundschule in Saarbrücken: Vielen Kindern, die nach den Ferien eingeschult werden, fehlen aufgrund der Corona-Pandemie wichtige Voraussetzungen.

(Foto: Oliver Dietze/picture alliance/dpa)

Wenn die Politik nicht schleunigst handelt, wird die Corona-Pandemie die Schulen noch jahrelang beschäftigen. Denn die "Lernlücken" der älteren Schüler sind nicht das größte Problem.

Kommentar von Lilith Volkert

Ein chaotisches und anstrengendes Schuljahr ist fast vorbei - in Bayern, dem letzten Bundesland in der Reihe, beginnen am Freitag die Sommerferien. Es war das erste Schuljahr, das von Anfang bis Ende von der Pandemie geprägt war. Es wird nicht das letzte gewesen sein. Und auch nicht das vorletzte. Die Zeit mit dem Coronavirus wird Spuren im künftigen Leben vieler Schülerinnen und Schüler hinterlassen.

Zwar ist es verständlich, dass gerade hauptsächlich darüber diskutiert wird, ob es im Herbst wieder Wechselunterricht geben wird. Schließlich wollen Schüler, Eltern und Lehrer wissen, wie ihr Alltag in naher Zukunft aussieht. Es lenkt aber von der schmerzhaften Erkenntnis ab, dass sich die Schulen weit über das kommende Jahr hinaus mit der Corona-Krise beschäftigen müssen, und das sogar dann, wenn der Unterricht ab sofort wieder überall in Präsenz stattfinden könnte.

Wenn die Politik das nicht erkennt und entschlossen gegensteuert, werden die Folgen der letzten 17 Monate sogar bis ins nächste Jahrzehnt zu spüren sein - bis die Vorschulkinder von heute ihren Abschluss machen. Denn das Problem sind nicht nur die viel zitierten "Lernlücken", die man in den nächsten ein, zwei Jahren irgendwie stopfen will. Das weit größere Problem sind die fehlenden Grundlagen bei sehr vielen, sehr jungen Schülern.

Die Grundschulen sind schlecht vorbereitet

Nach den Sommerferien werden Kinder eingeschult, die in den letzten anderthalb Jahren kaum im Kindergarten waren und denen deshalb oft wichtige Voraussetzungen fehlen. Manche mit Migrationshintergrund haben in ihrem Umfeld verlernt, deutsch zu sprechen. Es trifft vor allem Kinder aus Familien mit wenig Geld und geringer Bildung, die mehr als andere vom strukturierten Alltag und der Förderung im Kindergarten profitieren. Die Grundschulen aber sind schlecht auf diesen Jahrgang von Kindern vorbereitet. Sie haben mit anderen Problemen zu kämpfen.

Jeder fünfte Grundschüler hat als Folge des monatelangen Distanz- und Wechselunterrichts Grundlegendes nicht mitbekommen, schätzen Experten. Gefährdet sind Kompetenzen wie sicheres Lesen, Schreiben und Rechnen. Gefährdet ist das Lernen an sich: zuhören können; verstehen, was von einem verlangt wird; wissen, wie man sich hilft, wenn's hakt. Viele Kinder haben schlicht noch nicht gelernt, wie man lernt.

Dafür braucht es Jahre mit guter didaktischer Anleitung im Klassenverband. Sonst haben diese Kinder sehr viel geringere Chancen auf spätere Erfolge in Bildung und Beruf, daran können auch vereinzelte Nachhilfestunden oder Ferienkurse nichts ändern. Das ist ein existenzielles Problem. Für jeden Einzelnen und für die ganze Gesellschaft.

Ministerin Karliczek gibt da Geld aus, wo es kaum etwas bringt

Die Herausforderung ist nicht neu. Schon vor der Pandemie taten sich Deutschlands Schulen oftmals schwer bei der Vermittlung von Grundlagen, vor allem bei Kindern aus bildungsfernen Milieus. Die Leistungen von Viertklässlern in Deutsch und Mathematik sind im bundesweiten Durchschnitt im vergangenen Jahrzehnt gesunken. In der internationalen Timss-Studie 2020 zeigten 25 Prozent der deutschen Viertklässler nur "rudimentäre" oder "niedrige" Mathe-Kenntnisse.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) wird voraussichtlich 2029 die Pisa-Studie über die Fähigkeiten der heute Achtjährigen veröffentlichen. Dann, 29 Jahre nach dem ersten "Pisa-Schock", sollte wirklich niemand vom schlechten Abschneiden deutscher Schüler überrascht sein.

Was gilt es jetzt zu tun? Gleich nach den Ferien müssten die Schulen eigentlich die Defizite jedes einzelnen Schülers durch Lernstandserhebungen herausfinden und den Schwächeren ganz gezielt Nachhilfe geben - angeleitet von Fachkräften, in Zusammenarbeit mit den regulären Lehrern, in Gruppen von maximal fünf Kindern.

Kinder und Jugendliche wurden lange genug vernachlässigt

Nachhilfe durch Personen ohne didaktische Ausbildung, die ohne Kontakt zur Schule stattfindet, bringt dagegen nicht viel - das ist erwiesen. Umso ärgerlicher, dass Bundesbildungsministerin Anja Karliczek genau dafür viel Geld bereitstellt. Sie verteilt eine Milliarde Euro zum Abbau von Lernrückständen mit der Gießkanne an Schulen, Stiftungen und private Institute.

Viel besser wäre es, das ganze Geld den Schulen zu geben, damit sie Schüler unbürokratisch und schnell fördern können - und die Länder zu verpflichten, die Schulen dafür personell mit allem, was nur geht, zu unterstützen. Das wird ohnehin schwer. Schon jetzt fehlen Grundschullehrer, und der Mangel wird größer. Zusätzlich sollten Psychologinnen und Schulsozialarbeiter Kinder individuell fördern und eine Elternarbeit machen, die diesen Namen verdient.

Die Politik hat Kinder und Jugendliche lange genug vernachlässigt. Nach anderthalb Jahren Untätigkeit müssen sich jetzt alle Kräfte darauf richten, dass die Pandemie in den Biografien der heutigen Grundschüler so wenig Spuren wie möglich hinterlässt.

© SZ/jkä
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