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Coronavirus:Warum Rostock bisher so gut durch die Pandemie kommt

Madsen übernimmt Amt des Rostocker Oberbürgermeisters

Rostocks neuer Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen vor dem Rathaus.

(Foto: Danny Gohlke/picture alliance/dpa)

Oberbürgermeister Madsen hat Maßnahmen ergriffen, noch ehe es Corona-Regeln gab. Die Inzidenz der Stadt liegt konstant unter 50. Wie schafft er das?

Von Peter Burghardt, Hamburg

Das Corona-Jahr 2020 klang gerade aus, da setzte sich der Bürgermeister von Rostock noch mal vor die Kamera. Ein kurzer Silvestergruß auf Facebook an die gut 200 000 Einwohner. "Hallo ihr Lieben", sprach Claus Ruhe Madsen, der Mann mit dem grauweißen Rauschebart, auf dem Schreibtisch eine kleine dänische Flagge. "Ein ziemlich mieses Jahr war das", sagte Madsen, aber weil er ein äußerst positiver Mensch ist, entdeckte er im miesen Jahr einen bundesweit beachteten Erfolg: Er lobte seine Leute im Gesundheitsamt und anderswo, die so gut bei der Kontaktverfolgung gewesen seien, "dadurch konnten wir immer wieder Kontaktketten schließen. Darauf bin ich total stolz, dass Rostock jetzt so gut dasteht".

Nach einem knappen Monat im Corona-Jahr 2021 steht Rostock immer noch auffällig gut da. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, das von der Seuche lange relativ verschont geblieben war, gibt es zwar längst rote Flecken auf der Karte. Aber ausgerechnet in der größten Stadt der Region liegt die Sieben-Tage-Inzidenz konstant unter 50, was wenige Großstädte in Deutschland von sich behaupten können. Wie machen die das dort oben an der Ostsee, wo ja immerhin ein recht bedeutender Hafen liegt mit Schiffen aus allerlei Ländern?

Claus Ruhe Madsen hat zurzeit viel zu erklären und erzählen, er ist von Haus aus ein leutseliger Mensch, bei dem eine Idee die nächste jagt. Der Däne fiel schon überregional auf, als er im September 2019 als parteiloser Kandidat an die Spitze der Hansestadt gewählt wurde, unterstützt von CDU und FDP. Der Unternehmer, geboren 1972 in Kopenhagen, bezwang nicht nur die Linke - Rostock war ja schon traditionell rot, als Farben noch nicht nach der Verbreitung von Viren verteilt wurden. Er ist nun der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Nach wie vor besitzt er nur einen dänischen Pass und hat diesen etwas anderen Blick auf seine neue Heimat.

Kein Gesetz, keine Verordnung könne Corona bekämpfen

Nach Deutschland zog der Auswanderer nach dem Abitur an Dänemarks Nordsee und einem Halbjahr auf See mit Anfang zwanzig und wurde Verkäufer in einem Möbelhaus im Ruhrgebiet. Später gründete der Skandinavier seine eigene Möbelhauskette mit dem standesgemäßen Namen Wikinger, ließ sich in Rostock nieder und wurde Präsident der Handelskammer. Vor der Wahl traf man ihn in seinem Wikingermöbelhausbüro mit Rennrad an der Wand, Madsen ist begeisterter Radfahrer und organisierte eine Radtour für kranke Kinder; Handballtrainer ist er auch. "Rostock bewegen" lautete sein Wahlkampfmotto, es stand auf Lastenrädern, Plakaten, T-Shirts und Kapuzenpullis. Nun also bewegt ihn Corona - und Madsens Konzept bewegt das Land.

Der Krisenmanager ergriff Maßnahmen, noch ehe es Corona-Regeln gab. In Rostock wurde rasch eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum eingeführt und mehr getestet als vom RKI empfohlen. Die Folge: Zwischenzeitlich war Rostock während der ersten Welle coronafrei. Madsen ließ auch frühzeitig weiteres Personal für das Gesundheitsamt umschulen. "Sie warten doch auch nicht, bis das Haus abfackelt, und sagen: Jetzt sollten wir mal langsam Feuerwehrleute ausbilden", sagte er der Schweriner Volkszeitung.

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Den Lockdown hält er nicht für die Lösung, die Rostocker Corona-Zahlen seien während des Lockdowns höher als vorher. Er habe schon im Oktober angeboten, in Rostock als Pilotprojekt mit Hygiene-Konzepten und Kontaktbeschränkungen Geschäfte zu öffnen, Sportveranstaltungen, Konzerte. "Wir müssen einen Weg finden mit Corona", sagte er in dem Interview. Eigenverantwortung ist seine Devise.

Kein Gesetz, keine Verordnung könne Corona bekämpfen, "sondern das Verhalten von uns allen", sprach Claus Ruhe Madsen zum Jahreswechsel im Netz. "Es kommt auf jeden Einzelnen an, ich zähl' auf euch", so sein Appell. Wenn es gelinge, verkündete Rostocks dänischer OB, "dann bin ich quasi der glücklichste Oberbürgermeister dieser Welt".

© SZ/fzg
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