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Corona-Konferenz:Noch strengere Corona-Regeln kämen zur Unzeit

Ein Mann spielt während der Corona-Pandemie Klavier in der Kölner Innenstadt

Kultur nur noch auf der Straße: Die Deutschen haben sich in den vergangenen zwei Wochen in Verzicht geübt.

(Foto: Getty Images)

Es ist gut, dass vorerst keine weiteren Verschärfungen kommen. Für die Moral in der Pandemie wäre das kein gutes Signal gewesen. Jetzt gilt es, an die Eigeninitiative der Menschen zu appellieren.

Kommentar von Christina Berndt

Viele Menschen haben am Montag mit einem mulmigen Gefühl auf Nachrichten aus Berlin gewartet. Die Aussicht auf noch stärkere Kontaktbeschränkungen, auf einen eingeschränkten Schulbesuch und darauf, den Kindern zu erklären, dass sie sich ab jetzt für einen Freund entscheiden müssen, vermiesten vielen Menschen den Wochenanfang.

Schließlich haben sich die Deutschen in den vergangenen zwei Wochen schon in Verzicht geübt. Sie haben sich gerade daran gewöhnt, dass jetzt wieder "Lockdown" ist, wenn auch ein sanfter, und Theater, Restaurants und Sport aus ihrer Freizeitgestaltung gestrichen. Und tatsächlich zeitigen die Entbehrungen erste Erfolge, der Ausbreitung von Sars-CoV-2 wurde ein Dämpfer verpasst.

Pandemisch betrachtet mögen die Vorschläge aus dem Kanzleramt für noch strengere Corona-Regeln, die am Montag den Ministerpräsidenten der Länder vorgelegt wurden, somit berechtigt gewesen sein, aber psychologisch und politisch kamen sie zur Unzeit. Für die Moral in der Pandemie wären die Verschärfungen jetzt kein passendes Signal gewesen. Es ist gut, dass in dieser Situation keine neuen Beschlüsse gefasst wurden.

Tausende stecken sich in Deutschland täglich an

Noch nicht, kann man wohl sagen. Denn womöglich werden viele dieser Beschlüsse in der kommenden Woche folgen. Die Pandemie macht in der Zwischenzeit schließlich weiter. Jeden Tag stecken sich in Deutschland Tausende Menschen neu an. Für mindestens jeden 100. bedeutet das den Tod, für jeden 50. die Intensivstation und für viele weitere, dass sie schwer erkranken und womöglich lebenslange Folgen davontragen. Selbstverständlich muss es das Ziel der Politik sein, dies so gut es geht zu verhindern.

Doch das darf nicht zu hektischen, in jeder Woche abgeänderten Beschlüssen führen. Die Maßgabe zu Beginn des Monats war klar: Es sollte im November einen einigermaßen sanften Lockdown geben, um die Welle der Neuinfektionen zu brechen. Sollten die ergriffenen Maßnahmen nicht oder zu wenig fruchten, würden härtere oder länger andauernde beschlossen werden.

Dass diese Strategie erst einmal wirkt, ist an den Statistiken abzulesen. Die Zunahme der Neuinfektionen ist zuletzt deutlich geringer ausgefallen als noch Anfang November. Auch die Intensivstationen füllen sich längst nicht mehr so schnell mit Patienten, die Kurve steuert derzeit auf ein Plateau zu, wenn auch mit mehr als 3000 Intensivpatienten auf einem hohen Niveau.

Nachsteuern ist wichtig. Aber nur wenn die Entwicklung falsch läuft

Es ist schon richtig, dass dies auf Dauer nicht reicht. Auch wenn die Welle der Neuinfektionen nicht mehr wächst, wirklich gebrochen ist sie nicht. Um über den Winter zu kommen, ist deshalb gewiss mehr notwendig. Aber es irritiert und frustriert die Menschen, wenn in die ersten Anstrengungen hinein schon Nachforderungen kommen. Ein Nachjustieren der Maßnahmen ist in einer Pandemie richtig und nötig - aber bitte dann, wenn die Entwicklung erkennbar in die falsche Richtung geht.

Effektiver wären an diesem Punkt ein Lob für das Erreichte und der Appell, sich noch mehr anzustrengen. Im Grunde also ein Aufruf, wie ihn die Kanzlerin am Montagabend ausgesprochen hat. Solche Appelle werden vermutlich einen Effekt haben, womöglich einen ebenso hohen wie verschärfte Maßnahmen, die als ungerecht und überzogen empfunden werden.

Schon in der ersten Welle hat sich gezeigt, dass allein das Reden über Maßnahmen Menschen dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern. Noch bevor Kontaktbeschränkungen im März beschlossen wurden, sank die Mobilität der Menschen deutlich. Neben den Maßnahmen ist schließlich ein weiterer Punkt essenziell: dass Menschen sie akzeptieren, umsetzen und damit umgehen können. Noch mehr als auf staatlich vorgeschriebene Verhaltensregeln kommt es schließlich auf die individuelle Ausgestaltung an. Wer jeden Abend mit einem anderen Menschen in gehörigem Abstand spazieren geht und zum Treffen mit dem Fahrrad statt mit der Bahn fährt, trägt wahrscheinlich weniger zur Verbreitung von Sars-CoV-2 als jemand, der täglich mit dem Bus ins Büro fährt.

Die Maßnahmen müssen für einen klaren Zeitraum gelten

Die Chance, an die Eigeninitiative der Menschen zu appellieren, ist gerade jetzt hoch. Denn mit den nun ausgesprochenen möglichen verschärften Maßnahmen stehen die negativen Konsequenzen von zu vielen Bussis und gemeinsamen Bierchen im Raum. Noch dazu lockt neben dem Gesundheitsschutz ein Lohn nach der Zeit der Entbehrungen: Wer mit mehr als nur einem Menschen und seinem Tannenbaum Weihnachten feiern will, der muss sich jetzt noch mehr zurückzunehmen. Auf die strenge Kontaktfastenzeit folgt dann ein Fest, das zumindest rascheln, wenn auch nicht rauschen darf.

Die Entwicklung der Zahlen in den kommenden Tagen wird zeigen, ob diese Botschaft ankommt, ob die Menschen es gemeinsam schaffen, die Welle zu brechen. Wenn nicht, müssen wohl strengere Regeln her. Aber es sollten dann Maßnahmen für einen klar kommunizierten Zeitraum sein mit klar definiertem Ziel. Und keine Maßnahmen, die jede Woche nachjustiert werden, selbst wenn die Entwicklung gerade einigermaßen günstig verläuft.

© SZ
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