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Lockdown:Das Virus lässt sich nicht planen

Coronavirus: Lockdown in Deutschland

Alle wären startklar, doch noch bleiben die Türen zu: Der Lockdown wurde erneut verlängert – vorerst bis zum siebten März.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Bürger haben Sehnsucht nach Verlässlichkeit, die Politik würde gern Öffnungen in Aussicht stellen. Doch sie kann nur auf Sicht fahren und sollte aus den Fehlern des Herbstes lernen.

Kommentar von Jens Schneider, Berlin

Es gibt eine nur zu verständliche Sehnsucht nach einer Rückkehr zu einem Leben ohne Covid. Es gibt diese Sehnsucht bei jedem Einzelnen, ob bei den Gastwirten oder den Einzelhändlern, Eltern und natürlich auch Ärzten und Pflegern, für die mit jedem Tag die Folgen dieser Pandemie schwerer zu ertragen sind. Die meisten wissen, dass sie dieses Virus nicht wegwünschen und auch nicht ignorieren können. Sie kennen nach den schweren zurückliegenden Monaten, mit oft Hunderten Todesfällen und Erkrankungen jeden Tag, selbst zu viele Fälle von schwerem Leid.

Aber wenn Wegwünschen oder Ignorieren nicht geht, so soll doch zumindest endlich eine Perspektive her. Als wären es Zauberwörter, werden Verlässlichkeit und langfristiges Denken eingefordert.

So war es vor dem Gipfel der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin am Mittwochabend, und so forderten es Oppositionspolitiker nach der Regierungserklärung von Angela Merkel an diesem Donnerstagmorgen. Nur leider macht das Virus da nicht mit. So einfach und so kompliziert ist die Lage, immer noch.

Das große Hindernis liegt nicht im politischen Vermögen oder Unvermögen der Kanzlerin, auch nicht in ihrer manchmal verfehlten Kommunikation oder der Kakofonie der Forderungen verschiedener Ministerpräsidenten. Es ist das Virus, das sich nicht planen lässt. Ja, schlimmer noch: Wenn es eine Verlässlichkeit gibt, dann ist es die einer gefährlichen Ausbreitung, wenn die Gesellschaft nicht vorsichtig genug ist.

Die bitteren Lehren aus der zweiten Welle

Das ist die Erkenntnis aus den Infektionsverläufen in vielen Ländern, und es muss vor allem die zwingende Lehre aus den Fehlern des vergangenen Herbstes sein. Damals wurde die Dynamik der beginnenden zweiten Welle unterschätzt, die Folgen zeigten sich Wochen später in den bis an die Grenzen belasteten Intensivstationen der Krankenhäuser. Seinerzeit ließen sich die Regierenden zu sehr von der Ist-Situation beeindrucken. Damals erschienen die Infektionswerte niedrig, die Zuwächse steuerbar.

Diese Situation sollte sich jeder in Erinnerung rufen, der nun schnelle Lockerungen fordert. Die Kanzlerin hat sich in ihrer Regierungserklärung aus gutem Grund darauf bezogen. Auch sie würde, wie die Regierungschefs der Länder, wohl nur zu gern den Menschen Verlässlichkeit und Perspektive bieten, die um ihre Existenz fürchten. Lakonisch sagte sie dazu, dass jeder lieber gute Nachrichten verbreiten würde.

Wie schön wäre eine Art Kalender der Entspannung, der schrittweise in eine Art von Normalität zurückführt, mit jeder Woche neue Lockerungen vorsieht, wenn die Inzidenz weiter sinkt, die allerdings bis heute ja nicht mal den Wert von 50 erreicht hat, der bisher als Scheidemarke hin zu Lockerungen galt. Wer den Beschluss der Regierungschefs genau liest, kann schnell erkennen, dass sie dieser Sehnsucht nach Verlässlichkeit nur zu gern entgegenkommen würden.

Aus heutiger Perspektive, so heißt es da, könne es bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner weitere Öffnungen geben. Genannt sind die Einzelhändler, Museen, Galerien. Das klingt fast wie ein Fahrplan, bei dem aber die ersten drei Wörter von großer Bedeutung sein dürften: aus heutiger Perspektive! Denn angesichts der zunehmend sich auch in Deutschland ausbreitenden Mutanten kann im Moment niemand vorhersagen, wie die Entwicklung weitergeht.

Der Politik bleibt nichts übrig, als auf Sicht zu fahren

Leider ist es möglich, dass die Infektionskurve noch ein paar Tage sinkt und dann wegen der Mutanten umso dynamischer nach oben schnellt, weil sie längst da sind und Lockerungen sie begünstigen. Die Kanzlerin hat das in ihrer Regierungserklärung anschaulich und verständlich erklärt und mit einem ernüchternden Satz auf den Punkt gebracht: "Das Virus hält sich nicht an Daten." Was bedeutet: Es richtet sich nicht nach einem Öffnungskalender, den wir uns ausmalen. Da helfen auch noch so kluge Hygienekonzepte nicht weiter.

In dieser unsicheren Lage wäre es ein Fehler, Pläne zu machen, die schnell überholt sein könnten, und Versprechen zu geben, wonach man doch nur noch ein paar Wochen aushalten müsste. Solche Versprechen hat es schon zu viele gegeben, im vergangenen Herbst. Es kam dann anders. Was jetzt verkündet wurde, dürfte das mögliche Maximum an Verlässlichkeit sein.

In einer solch unsicheren Lage kann die Politik nur auf Sicht fahren. Denn wem wäre geholfen, wenn das Land jetzt in ein kurzfristiges Auf und Ab des Öffnens und Schließens verfiele? Und wenn kurz nach der Öffnung die nächste Welle einen neuen Lockdown unausweichlich werden ließe? Der Nutzen für Gastwirte oder Einzelhändler wäre gering, die Enttäuschung umso größer, und die dadurch entstehende Dynamik bei den Infektionen könnte verheerend wirken.

© SZ/jok/saul
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