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Kulturpolitik:Es ist Zeit, für die Freiheit der Kunst einzustehen

Mainfränkisches Museum Würzburg

Wie lange bleiben die Türen von Museen und anderen Kultureinrichtungen noch zu?

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

In der Corona-Krise verkennen Politiker, dass Kultureinrichtungen mehr sind als verzichtbare Freizeitvergnügungen.

Kommentar von Kia Vahland

Vorbild soll die Kultur sein, wieder einmal, und das bekommt ihr nicht. Diesmal soll sie ein Vorbild sein im Verzicht: Theater und Museen schlossen früh. Nicht weil man sich dort besonders leicht infizieren könnte - auch bei Hygienekonzepten waren die Kultureinrichtungen vorbildlich, der Sicherheitsabstand funktionierte hier um einiges besser als in den länger geöffneten Geschäften und Fitnessstudios. Museen und Theater sind dicht, damit sich die Menschen insgesamt weniger bewegen und begegnen, und auch deshalb, weil sich hier so einfach durchregieren lässt.

Solange das ganze Land stillsteht, mag das angehen. Was aber, wenn die Maßnahmen wieder schrittweise gelockert werden - wann ist dann die Kultur dran? Nach den Friseuren, Bordellen, Bars, als Letzte also? Weil die Kultur ja, wie es etwa Kanzleramtsminister Helge Braun ausdrückte, zum "Freizeitbereich" gehört, der nachrangig zu behandeln ist gegenüber Geschäftsinteressen und schulischer Bildung?

Hört man die Politiker reden, liest man die Verordnungen der Länder, verfestigt sich der Eindruck: Die Verantwortlichen wissen gar nicht, was sie an der Kultur haben. Sie scheinen in ihr einen im Ernstfall verzichtbaren Luxus zu sehen. Das verkennt dreierlei: Erstens ist die Kunstfreiheit im Grundgesetz geschützt, sie auszutrocknen durch Aufführungsverbote, verbietet sich auf Dauer. Zweitens dienen Museen und Konzerthäuser außer dem Vergnügen der allgemeinen Bildung, was sie auf eine Stufe mit Bibliotheken oder Universitäten stellt. Drittens hängen Millionen Arbeitsplätze an der Kulturbranche - viele davon ohne Tarifverträge und Chance auf Kurzarbeit.

Was das Geld angeht, so wächst, nach viel Kritik, die Einsicht. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kann im Rahmen eines Notfallplans mehr Finanzhilfen gewähren als vor der Pandemie, die Länder haben diverse Hilfspakete aufgesetzt, auch über eine an die Künstlersozialkasse angeschlossene Arbeitslosenversicherung für Freiberufler wird nachgedacht.

Das Land droht sich in kulturellen Debatten aufzureiben. Kulturpolitik ist wichtiger denn je

Es ist, als wollten die Regierenden mit Geld den Abgrund zuschütten, der sich auftat, als dieses Jahr ihre ganze kulturelle Unbeholfenheit zutage trat. Klüger wäre es anzuerkennen, dass es Zeit ist, den eigenen Kulturbegriff zu schärfen. Die Nachlässigkeit, mit der SPD, Grüne und Teile der Union seit Jahren Kulturpolitik betreiben, war noch nie angemessen, jetzt aber ist sie überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Das Land droht sich in kulturellen Debatten aufzureiben.

Anfang des Jahres konnte die Satire eines Kinderchors über eine klimafeindliche alte Dame zum Skandal werden; dann dominierte eine Kabarettistin mit antisemitisch auffassbaren Witzen die Schlagzeilen. Es reicht nicht, solche Diskussionen als unwichtig abzulegen, und stattdessen, wie es die Grünen gerne tun, darauf zu verweisen, was alles bedeutender ist: das Artensterben etwa oder die Folgen einer maßlosen Agrarindustrie. Ja, im Vergleich zu den großen ökologischen und ökonomischen Fragen sind symbolpolitische Debatten Zeitverschwendung und Ablenkungsmanöver. Aber es gibt sie nun mal, man muss sich dazu verhalten. Das tut man in einer Demokratie am souveränsten, indem man kulturelle Institutionen sowie die Kleinkunstszene mit den Mitteln und der Freiheit ausstattet, unabhängig von der politischen Stimmung im Land die Großwetterlage zu reflektieren.

Was nicht heißt, dass man, wie es insbesondere Teile der SPD gerne tun, die Kultur als Wertevermittlerin der Demokratie ins Feld schicken muss, sei es im In- oder Ausland. Künstler sind ein Vorbild nur insofern, als dass sie den Leuten zeigen, was sich mit Fantasie, Mut, Unabhängigkeit alles vorstellen lässt, wenn man das Zweckdenken erst abgelegt hat. Die Kunst muss nichts, außer sich selbst treu bleiben. Sie soll bilden, nicht erziehen (nicht einmal zum Händewaschen).

Rechtspopulisten beanspruchen kulturelle Hegemonie

Es ist Zeit, diesen freiheitlichen Kunstbegriff zu verteidigen. Rechtspopulisten beanspruchen auch hierzulande kulturelle Hegemonie; die AfD scheut nicht davor zurück, ihr missliebige Theaterintendanten unter Druck zu setzen.

Mit ihrem Traditionsbewusstsein könnten die Unionsparteien Garantinnen sein, die Autonomie der Kultur zu stärken. Niemand weiß um die Ausstrahlung alter Bilder so wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Er lässt keine Gelegenheit aus, auf Ausstellungen zu sprechen, und dirigiert sogar die Prunkskeptikerin Angela Merkel in historische Festsäle. Jetzt muss er nur noch verstehen, dass all die schönen Dinge nicht nur für ihn da sind. Sondern für alle.

Kunst repräsentiert in einer Demokratie nicht die Macht, sie ist ihr Korrektiv. Das gilt für die Macht des Volkes ebenso wie für die seiner Vertreter. Darauf mutwillig zu verzichten, hieße, in Selbstbesoffenheit unterzugehen.

© SZ/ul
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