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Innenstädte:Ein Platz für alle

Coronavirus - Sachsen-Anhalt

Ein Bild wie in vielen Städten: Die leere Fußgängerzone in der Innenstadt Naumburg, Sachsen-Anhalt.

(Foto: dpa)

Die Pandemie fährt wie ein Orkan durch die Citys. Ein Kölner Motto zum Rosenmontag lautet: "Wat och passeet - mer stonn zesamme." Klappt aber nur, wenn der Staat es organisiert. Ein paar Ideen gäbe es.

Kommentar von Joachim Käppner

Amos Elon, der erste israelische Journalist, der aus Deutschland berichtete, schrieb 1965 nicht ohne Erstaunen: "Nagelneu recken sich heute die wiederaufgebauten Städte in den Himmel. Die Städte, die im Krieg aus tausend Fenstern brannten, erstrahlen jetzt am Abend im kalten blendenden Licht der Neonlampen und der Reklameschilder."

Wegen der leider notwendigen Corona-Maßnahmen wird nun, gemäß der deutschen Neigung, möglichst im Superlativ zu klagen, vielfach "der Tod der Innenstädte" beschworen. Tot aber waren die Städte 1945, nicht 2021. Doch natürlich ist der zweite Lockdown für die Betroffenen brutal, viele Gaststätten und Einzelhändler werden nicht wieder aufmachen, und das ohne jedes Eigenverschulden. Teure Gewerbemieten sind zu bezahlen, Warenlieferanten verlangen Vorkasse für ein Jahr, da ist selbst bei sonst guten Geschäften das Ende der Liquidität schneller erreicht, als staatliche Hilfen aufs Konto eingehen. Die Kölner Prinzen-Garde mag jetzt vor dem stillen Rosenmontag tapfer verkünden: "Wat och passeet - mer stonn zesamme." Aber wenn der Spaß an der Freud ausfallen muss und statt vergnügter Massen nur Polizeistreifen auf den Straßen zu sehen sind, ist das ein tristes Symbolbild für den Zustand der Innenstädte.

Bei all dem verständlichen Streit um das Wie und Wann von Lockerungen gerät jedoch in Vergessenheit: Die Innenstädte waren schon lange vor Corona in die Krise geschlittert. Die Pandemie hat das Elend nicht geschaffen, sondern es vergrößert, allerdings mit der Wucht eines Orkans.

Wie Eroberer haben große Ketten die Citys übernommen

"Now Main Street's whitewashed windows and vacant stores", heißt es in dem melancholischen alten Lied von Bruce Springsteen über den Niedergang der Heimatstadt, sinngemäß: Die Hauptstraße ist verödet, die Geschäfte stehen leer. In Deutschland sieht man solche Tristesse immer öfter in den zahlreichen ärmeren Gemeinden, dem strukturschwachen urbanen Proletariat. Und selbst in den belebten Fußgängerzonen der Boomstädte war nicht mehr zu übersehen, wie die Vielfalt schwand, das Persönliche, Besondere, Charakteristische.

Für diese Misere gibt es viele Ursachen. Wie Eroberer haben große Ketten die Citys übernommen. Ladenmieten stiegen ins Märchenhafte. Und, vor allem, das Online-Geschäft fordert fürchterliche Tribute vom stationären Handel - weshalb der durch Kleinanleger absichtlich verursachte Höhenflug der Gamestop-Läden an der Börse vielen Menschen wie ein Akt der Gerechtigkeit erscheint. Die Haifisch-Hedgefonds hatten ihr Geld darauf gesetzt, dass auch diese Geschäfte bald dichtmachen.

In den USA sind nicht wenige inner cities zu Slums heruntergekommen, Wohnstätten der Abgehängten. So weit wird es im geordneten Deutschland, dessen Grundgesetz die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" im Land vorschreibt, hoffentlich niemals kommen. Aber Zeit zu handeln ist es dennoch, um eine dauerhafte Verödung der Innenstädte zu vermeiden.

Ein großer Lastenausgleich muss her

Diese benötigen nichts weniger als einen großen Lastenausgleich, eine umfassende, vom Staat gesteuerte Rettungsmission. Es wäre wunderbar, aber eben leider auch ein Wunder, hätte die liberale Idee, nach der Pandemie würde der Markt via Wirtschaftswachstum alles wieder ins Lot bringen, in den Städten Erfolg. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie nach der Seuche noch geschwächter sein werden.

Da wäre zunächst die Corona-Politik. Für Millionen Gastwirte, Schuhhändlerinnen, Kellner oder Sportstudio-Betreiberinnen muss sich die Debatte um angebliche Impfprivilegien gespenstisch anhören. Diese seltsame und modische Fehldeutung von Gerechtigkeit würde ja verlangen, dass niemand, der geimpft und nicht mehr ansteckend ist, Läden öffnen oder darin einkaufen dürfte - weil es andere ja auch nicht dürfen, die noch nicht geimpft sind oder warum auch immer nicht geimpft werden wollen. Menschen, die von ihrem täglichen Verdienst leben müssen, dürfte das kaum gerecht erscheinen.

Aber auch weit über die Pandemie hinaus ist es Zeit für Reformen zur Rettung der Innenstädte. Da sind die Ladenmieten. Zwar hat der Bundestag bereits Kündigungen von Mietern erschwert, die wegen Corona nicht mehr zahlen können. Aber wer sagt überhaupt, dass nur die einen, die Mieter, die Last zugunsten der Allgemeinheit bis zum Ruin tragen müssen, die anderen, die Eigentümer der Immobilie, aber gar nicht? Warum sollte man die Mietpreisbremse nicht auch für gewerbliche Mieten versuchen?

Eine Paketabgabe für Online-Lieferdienste könnte den Handel entlasten

Ja, die Mietpreisbremse hat nicht viele Freunde, zu viel Staat, sagen die Gegner. Aber Eigentum verpflichtet, sagt die Verfassung. Der Deutsche Städtetag hat dies nun auf das für den ehrwürdigen Verband durchaus bemerkenswerte Motto gebracht: "Mieten runter, Menschen rein."

Auch die ins Spiel gebrachte Paketabgabe für Online-Lieferdienste würde den Handel wohl entlasten. Und sicher, die Kassen des Staates sind nicht unerschöpflich. Dennoch wäre eine deutliche Ausweitung der Staatshilfen für alle nötig, welche die Innenstädte sonst lebendig halten. Auch sollten Bund und Länder die durch Corona bedingten Ausfälle der Einnahmen aus der Gewerbesteuer, der wichtigsten Einnahmequelle der Kommunen, 2021 und 2022 ebenfalls noch ausgleichen.

Aber auch oder gerade die Städte selber müssen mehr Wandel wagen. Nur auf die schützende und gebende Hand des Staates zu setzen und zu hoffen, es werde schon irgendwie irgendwann wieder alles gut, ist Tagträumerei. Zu viele Kommunen begreifen ihre Innenstädte als eine Art möglichst einträglicher High-End-Verkaufsfläche. Doch diese Zeit läuft ab, Strukturwandel lässt sich abmildern, aber nicht aufhalten.

Was, nur zum Beispiel, viele Innenstädte in Italien oder Portugal so attraktiv macht, ist der einmalige Mix, das Zentrum als Begegnungsstätte für Shoppen und Flanieren und Wohnort, Ausgehviertel und Kulturangebot. Mehr Grün, mehr Kinder, mehr Campus, mehr Vielfalt - so könnte die Zukunft aussehen. Dann hätten die Städte etwas, was die digitale Welt, der Online-Handel nicht haben: Sie wären ein Platz für alle.

© SZ/jok/vwu
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