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Impfstoffe:Denkt an die Jungen!

Corona-Impfung in Köln

In der Ehrenfelder Ditib Moschee können sich Kölner gegen das Coronavirus impfen lassen. Zur Verfügung stehen Dosen des Impfstoffes von Astrazeneca sowie Johnson & Johnson.

(Foto: Christoph Hardt/imago images)

Ältere Menschen sollten vorrangig die Präparate von Astra Zeneca und Johnson & Johnson erhalten, die jüngeren jene von Biontech und Moderna. Das wäre für alle sicher - und vor allem gerecht. Wer anders handelt, riskiert die Spaltung der Gesellschaft.

Kommentar von Hanno Charisius

Nun dürfen sich in Deutschland alle mit dem Impfstoff des Herstellers Johnson & Johnson vor Sars-CoV-2 schützen lassen. Die Regierung hat die Impfreihenfolge auch für dieses Vakzin aufgehoben, so wie sie es in der vergangenen Woche für das Präparat des Herstellers Astra Zeneca bereits getan hatte. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie kopflos Entscheidungen in dieser Pandemie noch immer getroffen werden.

Wie das Präparat von Astra Zeneca ist auch das von Johnson & Johnson gut wirksam und verträglich. Vielleicht verhindern diese beiden Impfstoffe ein paar Infektionen weniger als die gerade ach so begehrten mRNA-Vakzine. Doch vor dem Tod durch das Virus und schweren Krankheitsverläufen schützen alle in Europa aktuell zugelassenen Impfstoffe äußerst zuverlässig.

Das Vakzin von Johnson & Johnson hat einen Vorteil: Es ist bislang das einzige, das laut Zulassung nur einmal verabreicht werden muss, um den gewünschten Impfschutz aufzubauen. Das ist insbesondere für Bevölkerungsgruppen ein Vorteil, für die es schwierig ist, zwei Termine wahrzunehmen oder die partout nicht auf eine zweite Spritze warten wollen oder können. Für sie ist eine Befreiung von der üblichen Impfpriorisierung unbedingt zu empfehlen.

Allerdings lösen die Präparate von Astra Zeneca und Johnson & Johnson wahrscheinlich in sehr seltenen Fällen Thrombosen im Gehirn aus, die mit auffälligen Begleiterscheinungen einhergehen. Man kann ausrechnen, für wen diese Impfstoffe unter welchen Bedingungen besonders geeignet sind - trotz des geringen Risikos für ein Blutgerinnsel im Gehirn, die sich im Übrigen gut behandeln lassen. In diese Rechnung spielt das Alter einer Person hinein, aber auch ihr aktuelles Infektionsrisiko, das wiederum mit der Verbreitung der Viren zusammenhängt.

Solange der Staat keine konsequente Strategie verfolgt, das Virus so weit es geht zurückzudrängen auf eine wöchentliche Inzidenz unter 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner, fällt die Risiko-Nutzen-Abwägung für ältere Menschen glasklar zugunsten der Impfstoffe von Astra Zeneca und Johnson & Johnson aus. Für Jüngere ist das nicht unbedingt der Fall. Sie sollten deshalb Impfstoffe bekommen, die ein für sie besseres Sicherheitsprofil haben.

Logisch wäre daher, Älteren gar nicht mehr die Wahl zu lassen. Es sollte nicht sein, dass die ältere Generation den jüngeren Menschen den für sie sicheren Impfstoff wegnimmt, weil sie Argwohn gegen ein für sie selbst sinnvolles Vakzin hegt. Wer das weiter toleriert, bekommt im Herbst vielleicht ein paar Wählerstimmen mehr, fördert aber die Spaltung der Gesellschaft.

© SZ/kus
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