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Corona:Die Impfstrategie ist fragwürdig

Ein ganzes Land zu impfen, ist eine riesige Aufgabe. Das bisherige Krisenmanagement der Regierung in der Pandemie lässt Zweifel aufkommen, ob das Vorhaben, so wie es geplant ist, gelingen kann.

Kommentar von Werner Bartens

Wenn Politiker von Strategie reden, ist Skepsis angebracht. Das gilt während der Pandemie generell und angesichts des Ansinnens, zwei Dritteln der Erwachsenen den Corona-Impfstoff zu verabreichen, sowieso. Zur Erinnerung: Im Frühjahr hat die "Strategie", Alltagsmasken gegen die Seuche aufzubieten, dazu geführt, dass es vier Monate lang zu wenige Bedeckungen für Mund und Nase gab. Und in dieser Woche ging die Ankündigung, die Generation 60-plus mit FFP2-Masken auszustatten, mit der unerwünschten Nebenwirkung einher, dass sich vielerorts Schlangen vor Apotheken bildeten, wo es dann oft keine der wirkungsvollen Masken gab. Leider stand in den Wartereihen gerade jene Altersgruppe, die vorrangig geschützt werden soll. Das ist ein schlechter Witz, nein: gefährliches Fehlmanagement.

Ein ganzes Land zu impfen, ist eine ungleich heiklere Aufgabe als Masken zu verteilen. Zudem ist vier Wochen später eine zweite Impfung zur Auffrischung nötig. Zwar zeigen Fernsehteams, wie aus Mehrzweckhallen, Messegebäuden oder Baumärkten Impfzentren werden; auf Grafiken findet sich der vorgeschriebene Rundweg wie im Möbelhaus. Doch Pläne zu machen und sie sinnvoll umzusetzen, sind zweierlei. Wer mit jenen spricht, die an der Logistik beteiligt sind, hört Zweifel, Ärger, Unzufriedenheit ob der zahlreichen offenen Fragen und ungelösten Probleme.

Wie werden die vier Millionen Pflegebedürftigen geimpft?

Wie soll beispielsweise die Risikogruppe der Hochbetagten geimpft werden? Viele von ihnen sind wenig mobil oder bettlägerig. Es soll mobile Impfteams für Pflegeheime und Kliniken geben. Gute Idee, aber in der Praxis alles andere als trivial, denn der Impfstoff muss bei minus 70 Grad gelagert werden und die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Ungefähr vier Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, davon werden mehr als drei Millionen zu Hause gepflegt, die anderen in Heimen. Fahren Kühlwagen von Tür zu Tür über die Dörfer wie die Paketzusteller, und Ärzte setzen in Schutzmontur im Schlafzimmer der Senioren die Spritze? Müssen die Alten am Eingang der Heime aufgereiht warten, um das Vakzin zu bekommen? Woher kommt das Personal, wer kümmert sich um zuverlässigen Infektionsschutz, damit nicht das Impfen selbst zum Ansteckungsrisiko wird? Impfen erfordert zudem Aufklärung und Nachbeobachtung und das braucht Zeit. Viele Menschen zu impfen, ohne dass eine fehleranfällige Massenabfertigung daraus wird, ist eine Herausforderung.

Eine konstruktive Debatte könnte helfen, Leben zu retten

Schwachstellen und Probleme der Impfstrategie zu betonen, bevor die erste Spritze verabreicht wurde, ist keine miesepetrige Nörgelei. Die Erfahrungen mit zahlreichen Pannen in Testzentren, fehlenden Schnelltests und Maskenchaos haben dieses Jahr gezeigt, dass dieses einst für seine organisatorischen Talente bewunderte Land schon über kleinere Aufgaben gestolpert ist. Das war Chaos statt Strategie.

Die Priorisierung der Impfungen ist eine andere Frage, über die sich streiten ließe. Zunächst Risikogruppen zu impfen, klingt sinnvoll. Wenn diese Menschen erkranken, ist ihre Prognose am schlechtesten. Womöglich wäre es jedoch effektiver, neben den Gesundheitsberufen die mobile Bevölkerung zuerst zu impfen. Infektionen entstehen schließlich nicht in Heimen unter den älteren Bewohnern, sondern werden hineingetragen von jüngeren Pflegekräften, Betreuern, Therapeuten und Besuchern. Eine konstruktive Debatte über die optimale Reihenfolge könnte helfen, Menschenleben zu retten. Noch wäre Zeit dazu. Denn trotz aller politischen Drängelei ist der Impfstoff in Deutschland bisher nicht mal zugelassen.

© SZ
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