Impfquote:Wie die 85 Prozent zu schaffen sind

Um eine schlimme vierte Welle zu verhindern, ist eine deutlich höhere Impfquote nötig. Doch das Impftempo stockt und es fehlt ein Plan, wie die Quote zu erreichen ist. Dabei gibt es durchaus kreative Lösungen.

Kommentar von Hanno Charisius

Am Montag veröffentlichte das Robert-Koch-Institut (RKI) Berechnungen, nach denen eine Impfquote von 85 Prozent in der Bevölkerung zwischen zwölf und 59 Jahren eine schlimme vierte Welle wahrscheinlich verhindern könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel gab sogleich ebenfalls eine Zahl über 80 Prozent aus. Doch es fehlt ein Plan, wie diese zu erreichen ist.

Die Impfkurven der bislang erfolgreichsten Staaten Kanada, Israel, USA, Großbritannien flachen alle noch deutlich unterhalb von 70 Prozent ab, gemäß Statistiken, die jeweils nur die Erstimpfung enthalten. Die zweite Spritze holen sich noch weit weniger Menschen ab. Auch in Deutschland ging das Impftempo zuletzt deutlich zurück.

Die Warnung des RKI ist überdeutlich. Bleibt die Impfquote bis zum Herbst unter 70 Prozent, könnte es zu einer ähnlichen Situation kommen wie im vergangenen Herbst. Bislang unerreichte Infektionszahlen erscheinen dann sogar möglich, falls alle Vorsichtsmaßnahmen eingestellt würden. Weil die ältere Bevölkerung bereits recht gut geschützt ist, wird das Virus vor allem in den jüngeren Jahrgängen seine Opfer finden. Die erkranken zwar selten schwer, doch wenn sich sehr viele infizieren, wird auch die Belastung in den Intensivstationen wieder Richtung unerträglich verschoben. Sicherer Schul- und Kindergartenbetrieb? Wäre eine Fantasie.

Gerade Deutschland tut sich schwer damit, jene zu erreichen, die schwer zu erreichen sind

Umfragen signalisieren zwar ausreichend Bereitschaft, um das notwendige Impfziel theoretisch erreichen zu können. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass Willensbekundung und Wirklich- zur-Impfung-gehen zwei Dinge sind. Und man muss sich fragen, wer bei solchen Erhebungen gefragt wird. Werden auch diejenigen erreicht, die am häufigsten mit dem Virus Kontakt haben? Dies sind Menschen mit weniger Geld, oft gering bezahlt und in Berufen tätig, in denen sie dem Virus ausgesetzt sind. Sie leben in engeren Wohnverhältnissen als jene in den wohlhabenden Wohnvierteln, die sich schon im April um einen Impftermin bemüht haben.

Nicht falsch verstehen: Jeder und jede soll schnellstmöglich die Chance zur Impfung bekommen. Jeder geimpfte Mensch schützt nicht nur sich selbst, sondern bildet eine kleine immunologische Brandmauer gegen das Virus - auch Ungeimpfte profitieren davon, der Gemeinschaftsschutz wird stärker. Doch die Impfstoffe müssen auch jene erreichen, die oft schwer zu erreichen sind, gerade wenn es um gesundheitliche Aufklärung geht. Dass sich gerade Deutschland damit schwertut, ist lange bekannt. Nur wenige Bundesländer erfassen, wer in die Krankenhäuser gebracht wird und wer stirbt. Die sozioökonomischen Dimensionen der Pandemie lassen sich nur erahnen.

Wer die 85 Prozent ernsthaft schaffen will, muss massiv dafür werben. In allen Stadt- und Landesteilen, auf allen Kanälen, in vielen Sprachen. Hausärzte sind unentbehrlich für die Aufklärung, nur gibt es leider viele Menschen, die sich keinem anvertrauen. Vertrauenswürdige Multiplikatoren lassen sich aber für jede Zielgruppe finden, wenn man nur will.

Der Zugang zur Impfung muss weiter vereinfacht werden. Pop-up-Impfstationen in Wohnvierteln, Fußgängerzonen, vor Einkaufszentren und Supermärkten, mobile Impfteams auf dem Land. Und wenn man Fußballstadien schon fürs Publikum öffnet, könnte man am Eingang auch gleich impfen. Je niedriger die Schwelle, desto leichter die Entscheidung für die Impfung.

© SZ/fzg
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